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Beyträge
zur
Naturgeschichte
.

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Beyträge
zur

Naturgeschichte

vonJoh.Fr. BlumenbachProf. zu Göttingen.

[Abbildung: ]

Zweyter Theil.

Göttingen,
bey Heinrich Dieterich, 1811.
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[5]
[Abbildung: ]

Vorrede.

So wenig auch die beyden in
gegenwärtigem Bändchen befindli-
chen Aufsätze unter einander in
Verbindung stehen, so haben sie
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[6]
doch beyde auf den vorhergehen-
den Theil dieser Beyträge
Bezug.
Von den beygefügten Vignetten
stellt die S. 13. den wilden Peter
nach dem schönen englischen Mez-
zotinto Blatt
vor, das Val. Green
nach dem Gemählde von P. Falco-
net
gestochen hat.
Die übrigen gehören zu der Ab-
handlung über die Mumien.
Viere derselben waren meinem
Aufsatz über die von mir in Lon-
don
geöffneten Mumien in den
philosophical Transactions beyge-
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[7]
fügt. Dreye zur Versinnlichung
der drey ganz von einander ver-
schiedenen Nationalphysiognomie-
en an den altägyptischen Kunst-
werken; nemlich:
1. Auf dem Titel die Hindusta-
nische
nach einer gemahlten Figur
von der Rückseite auf dem Sarco-
phag der vortreflichen Mumie die
das britische Museum vom Cpt n
Lethieullier
erhalten hat.
2. Hier über der Vorrede die
äthiopische nach einer ägyptischen
Bronze in der Sammlung des Gr.
Caylus
.
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[8]
3. Drüben am Schluss dieser Vor-
rede die gemeine ägyptische Bil-
dung, die man die Berberartige nen-
nen möchte; nach einem ausneh-
mend saubern kleinen Isisidol von
weissem Marmor das der Hr. Prof.
Ritter Heyne
ans academische Mu-
seum
geschenkt hat.
Vor der zweyten Abhandlung der
krystallinische Anschuss des Na-
trums das ich aus einem von Herrn
John Hawkins
in Constantinopel er-
kauften Stücke einer ägyptischen
Mumie
ausgelaugt habe.
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[9]
Zu Ende derselben das Gebiss der
Stuttgarder Mumie mit den wun-
dersam stumpfen Kronen der Vor-
derzähne. Aufs getreuste von mei-
nem verehrten Freunde dem Herrn
Prof. Autenrieth
in Tübingen in
Kupfer gestochen.
[Abbildung: ]
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[10]
  • I.
    Vom Homo sapiens ferusLinn.  und
    namentlich vom Hamelschen wilden
    Peter
    .
  • II.
    Über die Ägyptischen Mumien.
Druckfehler im ersten Theil (2ter Ausg.)
S. 64.
Not.Z. 6 v.u.st. 1796 l. 1769.
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[11]

Vom
Homo sapiens ferusLinn. 
und namentlich
vom

Hamelschen wilden Peter.

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[13]
[Abbildung: ]

I.
Wie der wilde Peter bey Hameln
gefunden und eingefangen
worden.

Freytags den 27. Jul. 1724 zur Zeit
der Heuernde traf Jürgen Meyer Bür-
ger zu Hameln auf seiner Wiese im Stie-
ge ohnweit Helpensen ein nacktes,
braungelbes schwarzhaariges Geschöpf
das da herum lief, an Wuchs einem
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[14]
zwölfjährigen Buben glich, keinen
menschlichen Laut von sich gab, aber
durch ein paar Äpfel in der Hand sei-
nes staunenden Entdeckers glücklich
zur Stadt und durchs Brückenthor ge-
lockt, und da von einem Heer Strassen-
jungen in Empfang genommen, aber
bald auf Bürgermeister Severin’s Veran-
staltung ins Hospital zum Heil. Geist in
Verwahrung gebracht ward.

II.
Was sich mit dem wilden Peter in
Hameln begeben.

Peter den Nahmen hatten ihm
bey seiner ersten Erscheinung in Hameln
die Strassenkinder gegeben, und der ist
ihm bis in sein Greisenalter geblieben,
Peter betrug sich in den ersten Wo-
chen seiner Gewahrsam gar thierisch,
suchte durch Thür oder Fenster auszu-
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[15]
brechen, setzte sich doch mitunter auf
Kniee und Elenbogen gestützt, auf seinen
Strohsack und wogte sich brummend
hin und her bis er einschlief.
Brod wollte ihm anfangs nicht schme-
cken, hingegen schälte er gierig grüne
Stöcke und kaute den Saft aus der Rin-
de, so wie aus Kraut, Gras, Bohnen-
stengeln etc.
Allgemach ward er zahmer und rein-
licher, so dass er auf die Strase gelas-
sen werden durfte und Häuser besuchte.
Was ihm da zu Essen gebothen ward,
beroch er erst, und steckte es dann ent-
weder in den Mund, oder legte es mit
Kopsschütteln bey Seite. Auch den Leu-
ten beroch er die Hände und schlug sich
dann entweder freudig an die Brust
oder schüttelte aber den Kopf.
Wenn ihm was vorzüglich schmeckte,
wie grüne Bohnen, Erbsen, Rüben,
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[16]
Möhren, Obst und sonderlich Zwie-
beln und Haselnüsse, so bezeugte er
sein Wohlbehagen ebenfalls durch Klo-
pfen an die Brust. Auch soll er gleich
da ihn Jürgen Meyer getroffen, einige
Vögel geworfen und gierig verzehrt
haben.
Als ihm die ersten Schuhe angezo-
gen wurden, vermochte er nicht darin
fortzukommen, sondern war froh wie
er wieder barfus gehen durfte. Eben
so wenig mochte er eine Kopfbede-
ckung leiden, und freute sich herzlich
wenn er Hut oder Mütze in die Weser
werfen konnte und dahin schwimmen
sah. Bekleidet zu gehen gewohnte er
ehr, nachdem man zuerst einen Ver-
such mit einem leinenen Kittel gemacht.
Übrigens schien er ganz sanguinischen
Humors, hörte gern Musik, so wie
überhaupt sein Gehör und Geruch sehr
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[17]
scharf waren. Wenn er sonst was ha-
ben wollte, küsste er sich die Hände oder
auch den Boden.
Nach einiger Zeit ward Peter einem
Zeugmacher zu Hameln in die Kost ge-
geben, dem er bald mit treuer Folg-
samkeit anhing, der ihn auch als er von
da im Oct. 1725 nach Zelle in das
beim Zuchthause befindliche Hospital
kam, dahin begleitete; von wannen
ihn aber schon um Advent desselben
Jahrs König Georg I. nach Hannover
kommen liess.

III.
Peter kommt nach England und
wird nun berühmt.

Im Febr. 1726 ward Peter unter der
Aufsicht eines königlichen Bedienten aus
Hannover, Namens Rautenberg, nach
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[18]
London gebracht; und mit seiner Über-
kunft begann auch seine nachher so
weit verbreitete Celebrität.
Sie traf in die Zeit, wo gerade der
Streit über die Frage: ob es angebohre-
ne Begriffe gebe, mit voller Lebendigkeit
und respective Hitze geführt ward. Und
da schien Peter ein erwünschtes Subject
zur Entscheidung derselben. Ein genia-
lischer Kopf, der nachher als Restaura-
tor und Ordinarius der evangelischen
Brüdergemeinde
so berühmt wordne
Graf Zinzendorf, wandte sich schon zu
Anfang 1726 an die Gräfin von Schaum-
burg Lippe
nach London um ihre Ver-
mittelung, dass Peter ihm überlassen
werden möchte, um die Entwickelung
der angebohrnen Begriffe an dem-
selben zu erproben; erhielt aber zur
Antwort, dass der König ihn der da-
maligen Princessin von Wales, nachhe-
rigen Königin Carolina
, bekanntlich
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[19]
eine der aufgeklärtesten Prinzessinnen
irgend eines Zeitalters, geschenkt, und
diese ihn der Aufsicht des Dr. Arbuth-
not
, des vertrauten Freundes von Po-
pe
, Swift etc. und berühmten Mitarbei-
ters an Gulliver’s Reisen übergeben
habe, um eben die etwanigen idées in-
nées
 
des wilden Peters zu sondiren.
Swift selbst hat ihn in seinem lau-
nichten: It cannot rain, but it pours,
verewigt;
Linné ihn im Systema naturae unter
dem Namen von Iuvenis Hannoveranus 
einrollirt;
und Buffon, de Pauw, und J.J. Rous-
seau
als Muster des wahren Naturmen-
schen aufgestellt.
Noch neuerlich aber hat er eben des-
halb an dem berühmten Monboddo ei-
nen enthusiastischen Biographen gefun-
den, der seine Erscheinung für merk-
würdiger erklärt, als die Entdeckung
des Uranus, oder als wenn die Astro-
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[20]
nomen noch ein 30000 neue Sonnen,
zu den schon bekannten, hinzufänden*)
*) 
I consider, sagt er, his history as a
brief chronicle or abstract of the hi-
story of the progress of human natu-
re, from the mere animal to the first
stage of civilized life
.”
 
In den Anti-
ent Metaphysics
. Vol. III. p. 57.
.

IV.
Peters Abkunft.

Schade nur, dass die Herren bey alle
der Wichtigkeit, die sie dem wilden Pe-
ter
beylegten, ein paar kleine Umstän-
de seiner Entdeckungsgeschichte aus den
Augen verlohren oder nicht beachteten,
die ich hier gewissenhaft aus den frü-
hesten Originalacten, die ich vor mir
habe, nachhohle.
Dass Peter nemlich 1) da er von dem
Hamelschen Bürger zuerst gefunden
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[21]
ward, den kleinen Überrest eines abge-
rissenen Hemdes noch mit Bindfaden
um den Hals gebunden trug;
und dass 2) die auffallend hellere
Hautfarbe seiner Oberschenkel zu den
untern, schon bey seinem Einzuge in
die Stadt die Bemerkung einer Bür-
gersfrau
veranlasste und rechtfertigte,
dass der Junge zwar Beinkleider, aber
keine Strümpfe getragen haben müsse;
dass 3) bey näherer Untersuchung
die Zunge des armen Peters ungewöhn-
lich dick und wenig beweglich gefun-
den worden, so dass daher ein Regi-
mentschirurgus
zu Hameln, die soge-
nannte Lösung derselben in Vorschlag
gebracht, die jedoch unterblieben;
dass ferner 4) einige Schiffer ausge-
sagt, dass sie im Sommer, auf ihrer
Fahrt von Polle herab, verschiedentlich
einen nackten armen Jungen am Weser-
ufer
gesehen und ihm ein Stück Brod
gereicht;
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[22]
und endlich 5) dass man bald er-
fahren, wie ein verwittweter Krüger
zu Lüchtringen zwischen Holzminden
und Höxter im Paderbornischen einen
stummen Jungen gehabt, der sich schon
1723 ins Gehölz verloffen, zwar im
folgenden Jahre einmal ganz abgerissen
wieder eingefunden, aber da der Vater
indess zum zweytenmal geheirathet ge-
habt, von der neuen Stiefmutter in
Kurzem wieder fortgeprügelt worden.

V.
Peters Leben und Wandel in
England.

Dr Arbuthnot hatte bald gefunden,
dass von dem blödsinnigen Buben für
Psychologie oder Anthropologie eben
keine belehrende Ausbeute zu erwar-
ten sey, und so kam denn dieser nach
zwey Monaten aus der Pflege des phi-
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[23]
losopischen Arztes gegen eine erkleck-
liche Pension, in die einer Bettfrau der
Königinn und dann zu einem Pach-
ter
in Hertfordshire, wo er endlich im
Febr. 1785 als hochbetagtes Kind sein
vegetirendes Leben beschlossen hat.
Peter war von mittler Statur, aber
noch im Alter von frischem robusten
Ansehn und starker Muskelkraft; hatte
eben keine dumme Physiognomie; trug
einen stattlichen Bart; hatte sich bald
an gemischte Nahrung, Fleisch u. s. w.
gewöhnt, doch die frühe Vorliebe für
Zwiebeln lebenslang behalten. Übri-
gens war er mit den Jahren im Essen
sehr mässig worden, da er hingegen im
ersten Jahre seiner Captur für zwey
Mann zu sich genommen. Gar gern
trank er einen Schluck Branntwein;
liebte das Feuer; behielt aber lebens-
lang vollkommenste Gleichgültigkeit ge-
gen Geld, und was wohl über alles den
mehr als thierischen unüberwindlichen
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[24]
Stupor des armen Peters beweist –
eben so vollkommene Gleichgültigkeit
gegen das andere Geschlecht.
Wenn schlechtes Wetter eintreten
wollte, war er immer unaufgeräumt
und trübsinnig. Sprechen hat er nie
recht gelernt. Peter, und ki scho und
qui ca (letztres sollte die Namen seiner
königlichen Wohlthäter, King George
und Queen Carolina ausdrücken), waren
die deutlichsten von den wenigen arti-
culirten Tönen, die man ihm hatte bey-
bringen können. Für Musik aber schien
er Sinn zu haben und dudelte aller-
hand Melodien, die er oft hörte, mit
Wohlbehagen nach; und wenn aufge-
spielt ward, so hüpfte er voller Freu-
den darnach bis zur Ermüdung. La-
chen aber (– das wohlthätige Vorrecht
der Menschheit –) hat man ihn nie ge-
sehen. Übrigens hat er sich als ein
gutmüthiges, harmloses und folgsames
Geschöpf betragen, so dass er auch zu
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[25]
allerhand kleinen Hausdiensten in der
Küche oder im Felde u. s. w. zu brau-
chen war. Nur durften ihm diese nicht
allein und aufs Gerathewohl überlassen
werden; denn so hatte er z. B. ein Fu-
der Mist, das er eben erst aufladen hel-
fen, da er allein dabey gelassen ward,
stehenden Fusses und an der nemlichen
Stelle eben so emsig wieder abgeladen.
So wie er in den ersten Decennien
seines Aufenthalts in England wohl eher
in die Nachbarschaft sich verirrt hatte,
so war er auch a.46 eines Tages un-
versehens auf und davon gewandert,
und hatte sich bis nach Norfolk ver-
loffen, wo er als ein verdächtiger Un-
bekannter (– es traf eben in Zeiten
wo man auf vermuthliche Emissäre des
Prätendenten vigilirte –) vor einen
Friedensrichter gebracht ward, der ihn,
weil er mit der Sprache nicht heraus
wollte, vor der Hand ins grosse Zucht-
haus zu Norwich in sichere Gewahr-
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[26]
sam bringen liess, wo aber gerade in
der nächsten Nacht ein mächtiges Feuer
ausbrach, so dass eiligst die Gefäng-
nisse geöffnet und die Arrestanten her-
ausgelassen wurden. Erst als man nach
dem ersten Schrecken die Gefangenen
nachzählte, vermisste man darunter
den Bedenklichsten von allen, den ver-
stockten Unbekannten. Ein Wärter, der
sich durch die Flammen des weiten
Kerkers wagte, fand ihn ruhig hinten
in seinem Winkel sitzen, wo er sich
der Illumination und der behäglichen
Wärme freute, und nicht ohne Mühe
herausgetrieben werden konnte, da er
denn bald darauf aus den Anzeigen von
Dingen die abhanden gekommen, als
schuldloser Peter anerkannt, und sei-
nem Pachter zurück geliefert wurde.
Kurz als Ende vom Lied, das ver-
meinte Ideal des reinen Naturmenschen,
wozu spätere Sophisten den wilden Pe-
ter
erhoben hatten, war durchaus
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[27]
nichts weiter, als ein stummer, blödsin-
niger Tropf.

VI.
Irrige Sagen bey Peters Biographen.

Inzwischen ist die Geschichte dieses
Tropfs immer merkwürdig, selbst schon
als warnendes Beyspiel von der Unge-
wissheit menschlicher Zeugnisse und
historischer Glaubwürdigkeit. Denn es
ist auffallend, wie abweichend und theils
gerade einander widersprechend selbst
die ersten gleichzeitigen Nachrichten
über die Umstände bey seiner Erschei-
nung in Hameln lauten.
Nicht einmal im Jahr und Jahrszeit,
und Ort, wann und wo er von dem
Hamelschen Bürger gefunden und zur
Stadt gebracht worden, stimmen die
Referenten mit einander überein. Der
ganz irrigen spätern, sämmtlich ge-
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[28]
druckten Sagen zu geschweigen, dass
ihn König Georg I. auf der Jagd bey
Herrenhausen, oder nach Andren auf
dem Harz aufgetrieben; dass man den
Baum, in dessen Gipfel er gehauset, ab-
hauen müssen um seiner habhaft zu
werden; dass er am Leibe rauh behaart
gewesen; auf allen vieren geloffen;
auf den Bäumen herumgesprungen wie
ein Eichhörnchen; mit vieler Vorsicht
die Lockspeise aus den Wolfsfallen zu
mausen verstanden habe; in einem ei-
sernen Käfig nach England transportirt
worden; binnen neun Monaten am
Hofe der Königin habe sprechen ge-
lernt; bey Dr Arbuthnot getauft wor-
den; aber bald darauf gestorben sey
u. s. w.
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[29]

VII.
Ächte Quellen zu Peters Geschichte.

Hingegen habe ich ausser der criti-
schen Vergleichung dessen, was über den
wilden Peter im Druck bekannt wor-
den *)
*) 
Leipziger Zeitungen von gel. Sachen
1725. Nro. 104.
und 1726. Nro. 17.61.
und 88.
Breslauer Sammlungen XXXIV Ver-
such, Dec. 1725. pag. 659.
und XXXVI
Versuch, Apr. 1726. pag. 506.
Zuverlässige Nachricht von dem bey
Hameln im Felde gefundenen wilden
Knaben. Wobey dessen seltsame Fi-
gur in Kupfer gestochen
(in Holz-
schnitt) befindlich. 1726. 4.
Spangenberg’s Leben des Gr.
Zinzendorff.
II. B. pag. 380.
Swift’s works vol. III. P. I. pag.
132. der grossen Londner Quartausg.
von 1755.
Ein Brief des Hamelschen Bürge-
meisters Palm
v. 1741. in C.F.Fein’s
entlarvter Fabel vom Ausgange der
Hämelschen Kinder.
Hannov. 1749. 4.
pag. 36.
Gentleman’s Magazine vol. XXI.
1751. pag. 522.
vol. LV. 1785. P. I.
pag. 113.
und 236. und P. II. pag. 851.
(Monboddo’s) antient Metaphy-
sics
vol. III. Lond. 1784. 4. pag. 57.
und 367.
, die obigen Nachrichten von
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[30]
seiner Entdeckungsgeschichte haupt-
sächlich aus einem handschriftlichen
ausführlichen Bericht des gedachten
Hamelschen Bürgemeisters Severins, den
er im Febr. 1726 an einen Hannover-
schen Minister abgestattet, und die ich
der Freundschaft des verdienstvollen
Herrn Stadtschulzen Avenarius zu Ha-
meln
verdanke, so wie aus des fleissi-
gen vaterländischen Chronisten, Cam-
merschreiber Redekers ungedruckten
Hannoverschen Collectaneis auf dem
dasigen Rathhause gezogen, und über
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[31]
seine spätere Lebensweise in England,
ausser dem was ich selbst dort erfah-
ren, die mir von mehrern meiner dor-
tigen Freunde, namentlich Herrn Le-
gationsrath von Hinüber
, Dr Dornford
und Herrn Crawfurd darüber mitge-
theilten genauen Notizen benutzt, die
sie theils in Hertfordshire selbst ein-
gezogen.
Von den Abbildungen die von Peter
existiren, besitze ich zwey meisterhafte
Kupferblätter, die, wie mir versichert
worden, ihm vollkommen ähnelten.
Das eine aus seinen 50ger Jahren, ein
grosses Blatt in schwarzer Kunst von
Val. Green nach P. Falconet; die ganze
Figur sitzend, a.67 in London gemahlt,
da er dem König vorgestellt worden.
Und das andre von Bartolozzi, nach
dem von J. Alefounder drey Jahre vor
Peters Tode gemahlten Brustbilde; ein
recht wohl aussehender Greis, von dem
man – wer es nicht besser wüsste –
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[32]
glauben würde, er habe es hinter den
Ohren.

VIII.
Peter mit andern sogenannten wild-
gefundenen Kindern verglichen.

Überhaupt aber schien sichs ja wohl
der Mühe zu lohnen, die Geschichte des
armen Peters, der von so manchen
unsrer grössten Naturforscher, Sophi-
sten u. s. w. mit so bedeutender Wich-
tigkeit angesehen worden, einmal kri-
tisch zu prüfen und zu sichten; vol-
lends, weil sie doch noch am ersten
rein factisch dargestellt werden kann;
da hingegen die übrigen Beyspiele
von sogenannten wildgefundnen Kin-
dern, meist ohne Ausnahme, mit so
mancherley theils ganz abentheuerli-
chen auffallenden Unwahrheiten oder
Widersprüchen vermengt sind, dass
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[33]
überhaupt ihre Zuverlässigkeit dadurch
höchst problematisch wird.
Um nur bey den Füllen stehen zu
bleiben, die Linné unter der Rubrik
von Homosapiens ferus  aufgestellt,
und mit denselben sein systema natu-
rae
eröffnet hat, so war z.B. sein iuue-
nis ouinus Hibernus
 
, der als 16 jähriger
Bube in Holland zur Schau herumge-
führt worden, wo ihn der alte Tulp
beschrieben *)
*) 
Obseruat. medicae p. 312. der Ausg.
von 1652.
, nach dessen ganzen Er-
zählung wohl ein blödsinniges, stum-
mes und auch im äussern missgestaltes
Geschöpf, aber schwerlich in Irland
von der Wiege an unter wilden Schafen
(deren es dort so wenig als irgendwo
giebt) erwachsen. Dass er in Amster-
dam
Gras und Heu im Angesicht der
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[34]
staunenden Zuschauer genossen, finde
ich eben so begreiflich, als dass der
vorgebliche Südsee-Insulaner von Tan-
na
, der vor einigen Jahren auf Messen
und Jahrmärkten umhergeführt ward,
Steine fressen musste. Überhaupt aber
macht mir die abentheuerliche Beschrei-
bung, die jener sonst so ehrwürdige Am-
sterdamer Bürgemeister
von diesem Bu-
ben
giebt, sowohl als dass hingegen,
so viel ich finden kann, weder ein
gleichzeitiger noch späterer Schriftstel-
ler über die Naturgeschichte von Ir-
land
desselben nur mit einem Worte
gedenkt, denselben gleichstark verdäch-
tig, wenigstens gewiss nicht der Be-
deutsamkeit werth, womit selbst noch
unsre Schlözer und Herder ihn
angesehen haben.
Über Linné’s iuuenis bouinus Bam-
bergensis
 
hat man meines Wissens kein
anderes Certifikat, als dass der ehrliche
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[35]
Ph.Camerarius sagt *)
*) 
Oper.horar.subcisiuar.Cent. I. p. 343.
der Ausg. von 1602.
, dieser nach
der Hand in den Stand der heiligen
Ehe getretene Bamberger Wilde habe
ihm erzählt, er sey auf den benach-
barten Bergen unter dem lieben Vieh
erzogen worden.
Bestimmter zwar, aber noch suspecter
ist der Bericht des 8jährigen iuuenis
lupinus Hessensis
 
von 1344 (– nicht
1544 wie Linné und alle seine Copi-
sten angeben –), der die gute Aufnahme
gerühmt, die er unter den Wölfen ge-
funden als sie ihn 5 Jahr vorher ent-
führt; sie hätten ihm ein weiches Nest
von Laub gemacht, sich um ihn herum
gelegt und gewärmt, ihm einen Theil
ihrer Beute zugetragen und dergl.
mehr **)
**) 
Additiones ad Lambertum Schafnabur-
gensem, appositae ab Erphessordensi
monacho anon. in Pistoriiscrr.rer.
a Germanis gestar.
Frf. 1613. fol.
p. 264.
.
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[36]
Auch von dem iuuenis vrsinus Li-
thuanus
 
ist wenigstens gar manches zu
rabattiren; wie z. B. dass der Referen-
te, der schwärmerische Connor in sei-
ner medicina mystica s. de miraculis*)
*) 
p. 133. der Ausg. v. 1699.
vergl.dess.History of Poland.Lond.
1698. 8. T. I. p. 342.
wo sich auf ei-
nem stattlichen Kupferstich ein klei-
ner Polacke präsentirt, wie er zwi-
schen zwey jungen Bären an der al-
ten Bärenmutter saugt.

versichert, das sey in Polen nichts un-
gewöhnliches, dass eine säugende Bä-
rin, wenn sie ein Kind finde, es zu
Neste schleppe und mit ihrer eigenen
Brut auferziehe, wovon zwar freylich
der alte Joh.Dan. Geyer, in seiner
Monographie von den Lithauischen Bä-
renmenschen
, mehrere Beyspiele an-
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[37]
führt, namentlich einen 8 bis 9jähri-
gen dergleichen Bären-Polacken, den
König Johannes III. bekommen, ihn
taufen lassen, und zum Querpfeifer
bey der Miliz gemacht, ohngeachtet er
lieber auf vier als zwey Füssen ein-
hergegangen.
Von der puella Transisalana  heisst
es *)
*) 
In den Bresl.Samml. XXII. Vers.
S. 437.
, sie sey ohngefähr 18 Jahr alt ge-
wesen, als sie im Winter 1717 in ei-
nem deshalb angeordneten Treibjagden
von 1000 Kranenburger Bauern in Net-
zen eingefangen worden. Bis auf eine
geflochtene Strohschürze sey sie nackt
und ihre Haut hart und schwarz gewe-
sen, die aber einige Zeit nach ihrer
Captur abgefallen, und dafür eine hüb-
sche neue zum Vorschein gekommen
u. s. w. (– ich halte mich überall ge-
nau an die Berichte der Gewährsleute –)
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[38]
Übrigens sey dieses wilde Frauenzim-
mer gar freundlich und eines guten la-
chenden Humors gewesen und als klei-
nes Kind im May 1700 seinen Eltern
gestohlen worden.
Die puella Campanica  wie sie Linné
nennt, oder Dlle le Blanc nach ihrem
französischen Biographen*)
*) 
In der Hist. d’une jeune fille sauvage,
Par. 1755. 8.
, der sie
übrigens für ein nach Frankreich ver-
schlagenes Eskimo-Mädchen zu halten
geneigt ist, soll zuerst selbander im
Wasser gesehen worden seyn, wo die
beiden der Grösse nach etwa zehnjäh-
rigen und mit Keulen bewaffneten Mäd-
chen wie Wasserhüner geschwommen
und untergetaucht hätten. Sie wären
aber sofort über einen Rosenkranz, den
sie gefunden, in Streit gerathen; die
eine
sey von der andern vor den Kopf
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[39]
geschlagen aber doch auch gleich von
ihr mit einem Pflaster aus Froschhaut
und mit einem Streifen Baumrinde ver-
bunden worden; habe sich aber seit-
dem nicht weiter sehen lassen, sondern
Mamsell le Blanc, die Siegerin, sey
allein mit Lumpen und Fellen bedeckt
und statt Mütze mit einem Flaschen-
kürbs auf dem Kopfe, im benachbarten
Dorfe eingezogen u. s. w.
Johannes Leodicensis  war nach des
leichtglaubigen Digby Berichte *)
*) 
In s.two Treatises, in the one of
which, the Nature of Bodies, in the
other, the Nature of Mans Soule, is
looked into.
Paris. 1644. fol. p. 247.
ein
lütticher Bauerjunge, der aus Angst,
da die Soldaten sein Dorf geplündert,
sich in den Ardennerwald verloffen,
Jahre lang da gehauset, und von Wur-
zeln, Holzbirnen und Eicheln ge-
lebt habe.
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[40]
Noch stehen in Linné’s Designation
pueri 2 pyrenaici  von 1719, denen ich
aber bis jetzt noch nicht weiter auf die
Spur habe kommen können. Inzwi-
schen wird das, was ich von den übri-
gen hier aufgestellt habe, hoffentlich
hinreichen, um den vermeinten Werth
dieser wundersam vielartigen Relatio-
nen, von diesen vorgeblichen Natur-
menschen für philosophische Naturge-
schichte des Menschengeschlechts, nach
Verdienst würdigen zu können.
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[41]

IX.
Weder Peter noch ein anderer
Linnéischerhomo sapiens ferus 
kann zum Musterbilde des ur-
sprünglichen wilden Natur-
menschen dienen.

Denn – wenn man auch nach billi-
gem Abzug der gar zu abgeschmackten
Fictionen in jenen Erzählungen, das
übrige noch so nachsichtig will passi-
ren lassen, so sieht man ja doch offen-
bar, dass das samt und sonders natur-
widrige Missgeschöpfe waren, und
doch, was selbst schon das Abnorme
an denselben offenbart, unter ihnen
samt und sonders, nach kritischer Ver-
gleichung der Nachrichten die wir von
ihnen haben, nicht zwey einander
gleich. Sämmtlich zwar verunmenscht,
aber jedes auf eigene Weise, nach
Maassgabe seiner individuellen Män-
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[42]
gel, Gebrechen und Unnatürlichkeiten.
Nur darin einander gleich, dass sie, ih-
rer Naturbestimmung zuwider einzeln,
von menschlicher Gesellschaft entfernt,
umhergeirrt; ein Zustand, dessen Natur-
widrigkeit schon Voltaire mit dem ei-
ner einzelnen verlorenen Biene ver-
gleicht *)
*) 
“Si l’on rencontre une abeille errante,
devra
-t-on conclure que cette abeille
est dans l’etat de pure nature, et que
celles qui travaillent en société dans
la ruche ont dégéneré?
 
Vergl. auch Filangieri, Scienza
della Legislazione
T. I. p. 64. der
zweyten Ausgabe.
.
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[43]

X.
Überhaupt aber lässt sich für den
zum Hausthier geborenen Menschen
gar kein ursprünglich wilder
Naturzustand gedenken.

Der Mensch ist ein Hausthier *)
*) 
Vergl.I. Th. S. 39 u. f.
. –
Allein, statt dass Er, um sich andere
Hausthiere zu verschaffen, Individuen
ihrer Stammrasse erst ihrem wilden Zu-
stand entreissen, sie sich häuslich ma-
chen, sie zähmen müssen; so war Er
hingegen gleich von Natur zum voll-
kommensten Hausthier bestimmt und
geboren. Andere Hausthiere wurden
erst durch ihn vervollkommnet. Er ist
das Einzige, das Sich Selbst vervoll-
kommnet.
Statt dass aber so manche andere
Hausthiere, Katzen, Ziegen u. s. w.,
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[44]
wenn sie durch Zufall in Wildniss
gerathen, im Naturell gar bald wieder
ihrer wilden Stammrasse nacharten; so
waren hingegen, wie gesagt, alle jene
sogenannten wilden Kinder in ihrem
Benehmen, Naturell etc., auffallend von
einander verschieden, eben weil sie gar
in keine ursprünglich wilde Stamm-
rasse zurückarten konnten, als der-
gleichen in dem zum vollkommensten
aller Arten von Hausthieren erschaffenen,
und jeder Lage, jeder Lebensweise, so
gut wie jeder Zone sich anpassenden
Menschengeschlechte, nirgend existirt.
Digitalisat/161