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Göttingische
gelehrte Anzeigen

unter der Aufsicht
der königl. Gesellschaft der Wissenschaften.

Der zweyte Band
auf das Jahr 1816.

Göttingen,
gedruckt bey Heinrich Dieterich.
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[2081]

Göttingische
gelehrte Anzeigen

unter der Aufsicht
der Königl. Gesellschaft der Wissenschaften.

209. Stück.
Den30. December 1816.

Göttingen.

Die Vorlesung des Hrn. Ober-Medicinalraths Blu-
menbach
am neulichen Stiftungstage der Kön.Soc.
der Wissensch. betraf eine Decas sexta collectionis
suae craniorum diversarum gentium illustrata
 
;
eine Auswahl des merkwürdigsten und für die Na-
turgeschichte des Menschengeschlechts belehrendsten
Zuwachses, womit seine Schädelsammlung in den
letztern zehn Jahren, seit er die fünfte Decade der
Gesellschaft vorgelegt hatte, bereichert worden.
Wieder nach der Folge der fünf Hauptrassen, in
welche er die Menschenspecies eingetheilt hat.
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Also I. von der Caucasischen: – 51. der Schä-
del einer jugendlichen Egyptischen Mumie
; Ge-
schenk des Herrn Dr. Gall, der ihn von dem be-
rühmten Reisenden in die Morgenländer Herrn
Cripps
, vom Jesus-Collegium zu Cambridge, er-
halten hatte. Eine überaus feine Form. Das schön
gewölbte Stirnbein stößt zu beiden Seiten auf die
senkrecht darunter stehenden kleinen, nirgends vor-
ragenden Backenknochen, und verlauft sich mit sei-
ner ebenen glabella in die Längs ihres Rücken nur
gar wenig ausgeschweiften, noch auch merklich pro-
minirenden Nasenbeine. – Beyläufig ward ange-
merkt daß die Hirnschalenhöhle ohne alles Harz
war, so wie in der Cambridger Mumie die Midd-
leton
beschrieben, und in der im Academischen
Museum
befindlichen, welche die Königl. Societät
vom vorigen Könige von Dänemark zum Geschenk
erhalten; auch wie wörtlich genau die kleinen be-
sonderen Umstände, die der wackere Abd-allatif an
einer von ihm untersuchten Mumie anführt, mit
denen an diesem Köpfchen zusammentreffen. – 52.
von einem Hindustaner
aus Bengalen, vom west-
lichen Ufer des Ganges mitgebracht vom Hrn. Stadt-
Chirurgus Otto
zu Danzig. Merkwürdig als auf-
fallendes Gegenstück zu jenem von der Mumie, der
demnach als Repräsentant derjenigen, von den
dreyerley Altegyptischen Nationalbildungen gelten
kann, die mit der Hindus ihrer auch in Egyptischen
Kunstwerken, Mahlereyen auf Mumiensarcophagen etc.
so sprechend überein kommt. Auch hat Hr. Bl. in
seiner ganzen Sammlung nicht zwey Schädel von
weit von einander entfernten Völkerschaften die ein-
ander so auffallend ähneln als gerade diese beide;
(– vergl. auch darüber Herrn Hofrath Heeren’s
Ideen etc. I. Th. 2te Abth. der 3ten Aufl. S. 693.
–)
II. Von der Mongolischen Rasse: – 53. ein
Samojede
– aus der Gegend von Mesen, im
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Archangelschen Gouvernement; vom Hrn. Hofr. Dr.
Nudow
zu Archangel. Der Schädel hat im Ganzen
viel ähnliches mit denen von Grönländern die in der
IVten Decade abgebildet sind, und bestätigt das,
was der treffliche treue Beobachter Ad. Olearius in
seiner Reisebeschreibung als Augenzeuge sagt; “die
Samojeden sehen fast den Grunlandern gleich, deren
etliche ich neulich in Holstein selbst gesehen.”
54.
von einem Schitchagan
oder (wie die Russen die-
ses Völkchen nennen) Kaluschen vom Norfolksund
beym K. George’s Archipelagus von der N.W. Küste
von America, unter dem 57° N. Br. Von unserm
ehemahligen gelehrten Mitbürger Herrn Hofr. von
Langsdorff
, Kaiserl. Russischen General-Consul in
Brasilien, der auch genaue Nachricht von diesem
Stamme im zweyten Theile seiner Reise um die
Welt S. 73 u. f.
gegeben hat. Der Kopf, wegen
der platten, großen, in gleicher Horizontallinie zu
beiden Seiten weit hinausragenden Backenknochen,
gleichsam das Maximum der Mongolischen Gesichts-
bildung, das aber weder in dem Camperschen Fa-
cialwinkel, noch in der Daubentonschen Occipital-
linie – hingegen auffallend in der vom Hrn. Bl.
angegebenen norma verticalis  sichtlich wird.
III. Von der Aethiopischen Rasse: – 55. ein
Mulatte
von Demerari; der Vater ein Holländer
aus Haarlem, die Mutter eine Negresse. Der jetzige
Besitzer erhielt den ganzen frisch abgelöseten Kopf
vom Herrn Dr. Beneker, Chirurgien Major  zu
Amsterdam. Auffallend ist an diesem Schädel die
so fast ganz Europäische Gestaltung, worin schwerlich
jemand etwas Negerähnliches ahnden würde; eine
Bestätigung der in der Landwirthschaft aus der
Kreuzung der Rassen bekannten Erfahrung vom an-
erben der väterlichen Totalbildung und nahmentlich
der Form des Kopfes. – 56. eine Hottentottin.
So wie der folgende Schädel ein Geschenk des Hrn.
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Pastor Hesse in der Capstadt, der die Sammlungen
des Hrn. Bl. schon mit so vielen wichtigen Beyträ-
gen bereichert hat. – Der sprechendste Beleg zu
dem was Herr Ritter Thunberg sagt: “Die Ge-
sichtsbildung der Hottentotten hat unglaublich viel
Aehnlichkeit mit der Affen ihrer;”
was sich denn
auch in den getreuen Handzeichnungen von porträt-
mäßigen Abbildungen von Hottentotten
bestätiget,
die Hr. Bl. der Güte des Hrn. Baronet Banks und
des Herrn Bergraths von Jacquin verdankt. –
57. ein Caffer. Im Ganzen gar sehr von dem vo-
rigen Schädel, so wie von characteristischen Neger-
köpfen verschieden; nähert sich weit mehr der Cau-
casischen Form. Nur eine ganz sonderbare, dem
Besitzer in der Maße noch nicht vorgekommene –
vielleicht aber bloß individuelle und anomalische –
Aehnlichkeit mit manchen Affenköpfen: daß nähm-
lich die processus nasales  der Oberkiefer unter der
glabella  fast an einander liegen, und nur wie durch
ein splitterförmiges Rudiment der Nasenbeine ge-
trennt sind.
IV. Von der Amerikanischen Rasse. – 58. ein
Brasilianer
aus dem Gouvernement von Para.
So wie ein weiblicher Schädel und ein wundersam
mumisirter Kopf eines Caziken daher, Geschenke
des Königl. Portugiesischen Herrn Minister Staats-
Secretärs D’Araujo
. Der Gesichtstheil fast kug-
licht, so wie der Ritter Dr. Pinto dieses Volk
schildert: their face is round, farther re-
moved, perhaps, than that of any people from

an oval shape.”
 
Hingegen die Mitte der Schei-
telbeine auffallend protuberirend.
V. Endlich von der Malayischen, zwey ausge-
zeichnet schöne Köpfe
die Hr. Bl. nebst mehreren an-
dern Ostindischen von einem seiner vormahligen Zu-
hörer, Hrn. Dr. Jaßoy, Stadt-Physicus und Ober-
Hospitalarzt zu Batavia erhalten hat. Nähmlich –
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59. ein Mädchen von Mandhaar auf Macassar; und
60. ein Papuaner von Neu-Guinea, oder einer
der dabey liegenden Inseln. Beide waren, wie der
Uebersender schreibt, der sie im Hospital zu behan-
deln gehabt, etwa 20jährig, und beide in ihrer Art
bildschön. Beide zusammen um so merkwürdiger, da
sie auch in der Schädelform den Contrast der beiden
Unterarten darthun, worin Hr. Bl. die Malayische
Rasse des Menschengeschlechts abtheilt. Die Ma-
cassarinn
nähmlich weit hübscher, den Köpfen von
eigenthümlichen Südsee-Insulanern
ähnelnd, die in
der III. und V. Decade beschrieben werden; der Pa-
pus
hingegen, zumahl im Profil, schon mehr Ne-
gerartig; genau mit dem schönen Bilde übereinkom-
mend, das der treffliche Künstler Corn. de Bruyn
in seinen Reyzen over Moskovie
von einem dieser
Südindier gegeben hat.
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Digitalisat/7