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Magazin
für das Neueste
aus der
Physik
und
Naturgeschichte
,

zuerst herausgegeben
von dem Legationsrath Lichtenberg,
fortgesetzt
von Johann Heinrich Voigt,
d.W.D.Prof. der Mathematik zu Jena, und Corresp. der
Königl.Gesellsch. der Wissens. zu Göttingen.

Neunten Bandes erstes Stück, mit Kupf.

Gotha1794.
bey Carl Wilhelm Ettinger.
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[1]

Neue Beobachtungen.

I.
Herrn de Luc’s geologische Briefe, vom
Herrn Professor Blumenbach.

Aus der französischen Handschrift.

Zweyter Brief.

Zergliederung der geologischen Phänomene, die auf
die Bestimmung ihres Ursprungs leitet.

Windsor, den 17ten Jun. 1793.
Es ist sehr gewöhnlich daß man sagen hört, die
Menschheit werde heutiges Tages sehr aufgeklärt:
und auf den ersten Blick scheints kaum daß diese Be-
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[2]
hauptung einem Zweifel unterworfen seyn könne;
und doch ist sie im Grunde sehr zweydeutig; und
ihre unbedingte und ungeprüfte Annahme könnte sehr
große und selbst traurige Folgen haben. Dieß be-
wegt mich von dem Gegenstand den ich in diesen
Briefen behandle, Anlaß zu nehmen sie zu zerglie-
dern und auf ihre wahre Beschaffenheit zurück zu
bringen.

1.

Vor allen Dingen darf man die sehr wesentliche
Bemerkung nicht vergessen, daß die Wissen-
schaften
, in sofern sie das Resultat der Beob-
achtungen und Untersuchungen des Menschen sind,
aus zweyerley Stücken von sehr verschiedener Natur
bestehen, die bey weitem nicht immer den gleichen Gang
zusammen nehmen. Das eine ist die Masse der
Axiomen und Thatsachen, die in sich selbst vom
Menschen unabhängig sind, und ihm erst durch die
äussern Gegenstände geliefert werden müssen. Das
andere hingegen sind die Theorieen und Systeme
die aus jenen Datis erst gezogen worden. Dieß
sind die beyden verschiedenen Gesichtspunkte, aus wel-
chen man die Aufhellung einer Generation prüfen
muß.
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[3]

2.

Und selbst bey dieser Prüfung stellt sich der all-
gemeine Gegenstand der Wissenschaften wiederum
von zweyen sehr verschiedenen Seiten dar. Man
darf nemlich die Summe von reeller Aufhellung bey
einer gewissen Anzahl von Individuen, bey weitem
nicht mit dem Grade derselben verwechseln der unter
die übrigen Menschen verbreitet ist. Denn nach
diesen beiderley Gesichtspunkten kann eine Menschen-
generation unter sehr ungleichem Lichte erscheinen.
Wenn sich die Kenntnisse unter den Menschen
erweitern, so sind sie bey weitem nicht immer gleich
von Anfang in ihrer vollen Reinheit: es braucht
erst Zeit bis sie durch eine gewisse Classe von Indi-
viduen geprüft, berichtigt, entwickelt worden, und
nur das was am Ende alle diese Proben besteht, kann
als reiner Zuwachs zum Stock der wahren Wissen-
schaft
angesehen werden.
Sehr oft aber ist es blos der erste unbestimmte
Schimmer, oder auch die unrechte Art die neuen
Gegenstände anzusehen, die sich zuerst unter den
großen Haufen verbreiten, was dann, – freylich
nur für eine Zeitlang, aber zuweilen gerade in den
wichtigsten Zeitpunkten –, nachtheiliger ist als der
Mangel der Aufhellung selbst.
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[4]
Wenn man also unsrer Generation damit schmei-
chelt daß sie aufgeklärter sey als die vorhergehenden,
so versteht man allgemein verbreitete Aufhellung
darunter; und dieß ist folglich der Gesichtspunkt
unter welchem ich das Problem prüfen muß, das
freylich von andern aus einem von dem meinigen gar
sehr verschiedenen Gesichtspunkte angesehen wird.

3.

In allen Generationen machen die Gelehrten
eine ausgezeichnete Menschenclasse in Bezug auf die
Wissenschaften aus; da sie es vorzüglich sind
denen die Wissenschaften ihre Erhaltung und Fort-
gang, die übrigen Classen aber auch ihre Aufhellung
in demjenigen zu verdanken haben, was sie nicht
selbst entdecken oder durch Nachdenken ergründen
können. Manche dieser Lehrer der Menschheit schrän-
ken sich blos darauf ein, entweder blos die neuen
Facta, oder aber die allgemeine Uebersicht von
den bekannten Factis darzustellen, ohne weitere Er-
läuterungen darüber beyzufügen; so daß auf diese
Weise die einfachen Resultate der Erfahrung und
Beobachtung die durch eine gewisse Zahl von Schrift-
stellern gesammlet worden, unter die übrige Genera-
tion verbreitet werden und dadurch der feste Grund
zu den Wissenschaften unter ihnen gelegt wird.
Aber diese einfache Darstellung der Thatsachen
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[5]
ist im Grunde eine große Seltenheit, so häufig sie
auch angekündigt zu werden pflegt. Der menschliche
Geist liebt das Generalisiren; er nimmt gar zu leicht
das was er nur zuweilen beobachtet hat, als allge-
mein und beständig an; zieht zu geschwinde Folge-
rungen daraus oder glaubt die Ursachen davon aus-
gemittelt zu haben: und alles dieß oft ohne es zu
bemerken: so daß man in der That schon tief ins
innere der Wissenschaften eingedrungen seyn muß,
um genau die positiven und bestimmten Thatsa-
chen
die sie enthalten, von den dazwischen verfloch-
tenen und oft innig verwickelten Hypothesen un-
terscheiden zu können. Wie sollen daher nun dieje-
nigen die ihre wissenschaftlichen Kenntnisse
nur aus der zweyten, dritten Hand erhalten, sich vor
Irrthum bewahren können?
Folglich aber ist es auch fürwahr nicht genug,
daß eine Generation viel von Wissenschaften
schwazt um sie deshalb für sehr aufgeklärt zu hal-
ten; man muß erst strenger prüfen worinn denn
nun ihre wissenschaftlichen Einsichten be-
stehen?

4.

Je mehr sich der Stock von wissenschaftlichen
Thatsachen in einer Generation häuft, desto mehr
Zeit braucht es den neuen Zuwachs derselben von
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[6]
den Hypothesen zu säubern, die ihnen so oft von
denjenigen, die sie vortragen oder wiederholen, unter-
gelegt werden.
Folglich ist auch die Fülle von Thatsachen
die von einer Menschengeneration gesammlet wor-
den ebenfalls bey weitem noch kein sicheres Merkzei-
chen von dem verhältnißmäsigen Fortgang in ihrer
wahren Aufklärung; und nichts hemmt vielmehr
diesen Fortgang so sehr, als der Mangel von be-
stimmtem Unterschied zwischen diesen Datis und den
Folgerungen die man zu voreilig daraus zieht; ein
Fehler der zumahl in der gegenwärtigen Generation
sehr gemein geworden ist. Und doch wäre es Pflicht
aller derer welche neue Entdeckungen ankündigen oder
verbreiten, diesen Unterschied streng zu beobachten;
weil widrigenfalls der große Haufe der dadurch un-
terrichtet werden soll, nicht genug auf seiner Hut
bleibt von seiner eignen Urtheilskraft Gebrauch zu
machen.

5.

Wenn diese Vorsicht überhaupt schon aus billi-
ger Achtung gegen das Publicum beobachtet werden
sollte, dessen Aufmerksamkeit man ambirt; so wird
sie vollends zur ernstlichsten Pflicht, wenn die Gegen-
stände die man ihm vorträgt auf Thun und Lassen
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[7]
und auf die Glückseeligkeit des Menschen Einfluß
haben. Und in diesem Falle lehrt selbst die Moral,
daß man immer bemerkbar machen müsse, wie weit
sich die Folgen erstrecken können und sogar müssen,
die man aus gewissen Factis zieht; damit diejeni-
gen die ihre Aufmerksamkeit darauf richten, sie der
Wichtigkeit des Gegenstandes anmessen mögen.

6.

Ich habe bisher blos solche Ideen und Maxi-
men vorgetragen, die gerade deshalb weil sie aufge-
klärten Personen von selbst einleuchten, trivial
und sogar langweilig scheinen könnten. Aber
gar oft entstehen die Verirrungen der Menschen ge-
rade dadurch, daß sie die allereinfachsten und aller-
verbindlichsten Maximen vergessen: und um ein
großes Beyspiel von diesen Verirrungen zu geben,
und mich zugleich selbst vor der Vergehung zu sichern,
die ich in der leztern obigen Maxime angegeben ha-
be, so benachrichtige ich gleich jezt die neuen Leser
die ich ohne Zweifel durch Ihre Vermittelung erhal-
ten werde:
„Daß die geologische Abhandlung, von
welcher ich in diesen Briefen einen Auszug zu
geben versuche, mich gerade auf die Bestäti-
gung der Gewißheit der mosaischen Offen-
barung
führt.„
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[8]

7.

Und nun frag ich: handeln diejenigen Geologen
eben so aufrichtig, die seit langer Zeit Systeme ent-
worfen haben, deren Folgen darauf hinauslaufen,
diese Offenbarung über den Haufen zu werfen? Ha-
ben sie, sage ich, diesen ihren Zweck so angekün-
digt, daß die Zuhörer auf ihrer Hut bleiben gegen
eine unvollständige Darstellung der Thatsachen, oder
gegen ärmliche physische Hypothesen die bey einem
so wichtigen Gegenstand in Irrthum verleiten könn-
ten. Ich weis sehr gut wie man sie darüber wird
entschuldigen wollen, daß sie nicht so offenherzig ge-
wesen. Sie schreiben zu einer Zeit (wird man sa-
gen) wo ihnen eine solche Offenherzigkeit den Un-
willen des großen Publicums und selbst obrigkeitliche
Ahndung zugezogen haben würde. Ich lasse diese
Rechtfertigung an ihrem Ort gestellt seyn; die in
einigen Fällen gültig seyn mag. Aber nie wird man
weder diese Schriftsteller noch ihre Nachbeter recht-
fertigen können, wenn es von ihnen allgemein be-
kannt ist, daß sie aufs gerathewohl und doch ganz
keck und dreist Fragen abgeurtheilt haben, die ihrer
Natur nach das tiefste Naturstudium erfoderten;
und daß sie den Ruf von aufgeklärten Köpfen worin
sie standen, gemisbraucht haben um das Volk ganz
sachte zu den traurigsten Irrthümern zu verführen.
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[9]

8.

Viele Leute täuschen sich in dieser Rücksicht auf
eine gefährliche Weise. Um den Werth der Auf-
klärung
die unsrer Generation zugeschrieben wird,
und das Verdienst derjenigen recht zu erheben, die
dieselbe verbreiten, schildern sie die Unwissenheit
als den allergefahrvollsten Zustand für den Menschen.
Allein, ehe man der Eigenliebe der Menschen über
ihre Einsichten schmeichelt, und sie so über die Ge-
fahr einschläfert die aus ihrer eingebildeten Weis-
heit
entstehen kann, einer Gefahr die größer und
dauerhafter ist als diejenige der man durch die Un-
wissenheit
ausgesetzt wird, sollte erst geprüft wer-
den was man denn nun ihre Aufklärung nennt?
ja ich getraue mir so gar in Rücksicht vieler die diese
Täuschung verbreiten helfen, zu behaupten, daß sie
erst damit hätten anfangen müssen, sich selbst in
den Stand zu setzen, so eine Prüfung, wenigstens
was die wichtigsten Punkte derselben betrift, unter-
nehmen zu können. Und hierzu gehört denn ohne
Widerrede auch der Gegenstand dessen ich vorhin
Erwähnung that, und über welchen so viele soge-
nannte aufgeklärte Menschen ganz decisiv urtheilen,
ohne sich erst die nöthigen Kenntnisse dazu verschaft
zu haben.
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[10]
Die Geologie, diejenige Wissenschaft die man
zu Rathe ziehen mußte um die Meynung über die
mosaische Offenbarung zu verificiren, umfaßt
eins der weitesten Felder im ganzen Naturstudium;
und gerade eins worin man wahrhaftig die Menschen
am mindesten irre führen sollte! und doch werde ich
nun zeigen, was diejenigen Männer, deren Wort
man hierin glauben zu können meynte, für eine Art
Aufhellung darüber verbreitet haben.

9.

Die Geologen von denen ich spreche haben Sy-
steme geschaffen, die durch ihre Folgerungen gerade
darauf abzwecken, der ersten von unsern Offenba-
rungen
zu widersprechen; derjenigen, die allen
folgenden zur Grundlage dient. Und um den Ein-
druck zu schwächen, den natürlicherweise ein solcher
Anfall bewirken mußte, haben sie die Leser zu über-
reden gesucht, als sey die Stiftung des Christen-
thums von der mosaischen Religion sehr unabhängig,
und als sey es für jenes sehr unwesentlich, ob man
die ersten Capitel des ersten Buchs Mosis für
eine Offenbarung halte.
Da nun diese Schriftsteller behaupten, daß ihre
Schlußfolgen von selbst aus den Einsichten flößen,
die man sich über unsere Erde erworben; so sind
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[11]
diese Folgerungen von sehr vielen andern Schriftstel-
lern und Lehrern der Naturgeschichte mit noch
weniger Zurückhaltung wiederholt worden. Ihre
Behauptungen haben sich durch die Lectüre ihrer
Schriften und durch die Vorlesungen über dieses
Modestudium fortgepflanzt: und da sie auf diese
Weise über einen großen Theil der feinern und soge-
nannten aufgeklärtern Welt verbreitet worden; so
sind wir endlich so weit gekommen, daß die mehre-
sten Menschen die sich mit wissenschaftlichen Stu-
dien
abgeben, befürchten für Ignoranten gehal-
ten zu werden, wenn sie nicht denen beypflichten,
die jenen ersten Theil der Weltgeschichte, der uns
durch die Juden überliefert worden, für eine Er-
dichtung
erklären: eine Behauptung, der man so-
gar unter den Juden selbst Eingang zu schaffen ge-
wußt hat.
So ist es gekommen, daß eine so große Menge
von Gelehrten, die übrigens weder Naturhistoriker
noch Physiker waren; sondern die nur das als ein-
mal erwiesen voraussetzten, was man das Zeugniß
der Natur
nannte, einige historische und morali-
sche Argumente gegen die Aechtheit der mosaischen
Schöpfungsgeschichte immer mehr geradezu und im-
mer mit größerm Erfolg wiederholt haben; die zwar
sämmtlich vorlängst von Juden und Christen wider-
legt worden, und die überhaupt auf den großen
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[12]
Haufen niemals einigen Eindruck gemacht haben
würden, wenn man ihnen nicht den Anstrich gege-
ben hätte als ob sie aus der Natur selbst geschöpft
wären.
Und freylich, wenn in der That die Tradition
vom Alter und ersten Zustand unsrer Erde durch
die Natur widerlegt würde, so würde ein so un-
erschütterliches Zeugniß selbst über allen bisherigen
Beyfall gesiegt haben, den die Menschen der Tradi-
tion geschenkt hätten: aber eben dieses angebliche
Zeugniß der Natur ist es, was wir nun näher un-
tersuchen wollen.

10.

Alle die Theorieen der Erde, die man der
mosaischen Offenbahrung entgegengesetzt hat,
enthalten einen gemeinschaftlichen Satz, der auch
in allen das Grund-Argument gegen diese Offen-
bahrung
ist: nemlich, daß unser festes Land von
einem sehr hohen Alter sey. In der That wäre
dies ein ganz peremtorisches Argument gegen denje-
nigen Theil von Mosis Erzählung, der den An-
fang der Bevölkerung der Erde auf eine große phy-
sische Catastrophe folgen läßt, welche die ganze Erde
betraf, und die von da an die Geschichte des Men-
schengeschlechts in eine Reihe von Generationen be-
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[13]
ginnt, die sich dann an die eigentliche bürgerliche
Geschichte anschließt. Allein, je wichtiger diese geo-
logische Behauptung für die Geschichte des Men-
schengeschlechts würde, um desto nothwendiger war
es auch, sie durch solche Beobachtungen zu beweisen,
die unmittelbar über und an unserm festen Lande
angestellt worden: und doch hatte man nur nicht
einmal daran gedacht, sie unter diesen Gesichtspunkt
zu prüfen. Man suchte ihren Ursprung zu erklä-
ren: weil es sehr einleuchtend ist, daß sie nicht mit
unserer Erdkugel selbst von gleichem Alter sind, und
daß sie sich durch irgend eine physische Ursache haben
bilden müssen: aber die verschiednen Ursachen denen
man sie zuschrieb, hätten mit solcher Langsamkeit
agiren müssen, daß alle Geschicht-Kunde nicht hin-
gereicht hätte diese Würkungen begreiflich zu machen.
Und da man es also für unmöglich hielt das Alter
des jetzigen Zustandes unsrer Erde durch unmittel-
bare Beobachtungen einzuschränken; so setzte man
demselben überhaupt keine anderen Grenzen, als die
das System forderte, das man sich zu schaffen belieb-
te. Mithin ist die ganze Idee vom prodigieusen
Alter unsers jetzigen festen Landes wodurch man
die mosaische Schöpfungsgeschichte so entschei-
dend zu widerlegen meynt, keinesweges aus Factis
gezogen; sondern sie ist nichts mehr als eine Hy-
pothese
, die man hat adoptiren müssen um andre
Hypothesen dadurch aufzustutzen.
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[14]

11.

Demohngeachtet wollen wir einmal für einen
Augenblick von der Meynung dieser Geologen aus-
gehen, daß sich auf unserm festen Lande selbst
keine gültigen Beweise fänden woraus sich ihr Alter
bestimmen ließe. Nun dann, wenn also eine uner-
meßlich lange Zeit, die man den eingebildeten Ur-
sachen
eingeräumt, das große Ganze der geologi-
schen Phänomene hätte erklären können, so wäre es
sehr natürlich gewesen dieselbe anzunehmen. Als ich
daher in meinen Briefen über die Geschichte
der Erde und des Menschen
diese Systeme
prüfte, so machte ich anfangs gegen die Zeit gar
keinen Einwurf; sondern hielt mich einzig an die
angeblichen Ursachen; und da ich nun mit jeder
derselben die Wirkungen verglich, die ihr zugeschrie-
ben werden, so zeigte ich, daß sie mir hätten kön-
nen aufgestellt werden, wenn ihre Erfinder auch nur
oberflächlich von den geologischen Phänomenen wä-
ren unterrichtet gewesen; da unter allen auch nicht
eine ist, die, man möchte ihr auch noch so lange
Zeit zugestehen, nur die allergemeinsten dieser Phä-
nomene zu erklären im Stande wäre.

12.

Und doch ist diese – an und für sich so precäre,
und für die Geologie so unnütze Hypothese – das
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[15]
einzige Argument, das man als Zeugniß der Na-
tur
der mosaischen Erzählung von einer Er-
neuerung des Menschengeschlechts mittelst einer großen
Revolution, die unsre ganze Erde vor einer nicht
sehr langen Zeit betroffen hat, entgegensezte. Nach-
dem ich also die Systeme dieser Geologen widerlegt
und dadurch gezeigt hatte, wie unüberlegt ihre Aus-
fälle gegen die Offenbahrung gewesen seyen; so bewies
ich dagegen durch das Zeugniß der Natur, und
durch die verschiedensten peremtorischen Beweise,
daß unsre Erdkugel nothwendigerweise jener Revo-
lution
erfahren haben müsse; da unser festes
Land
im Grunde nicht älter ist, als es jene histo-
rische Theil der Offenbahrung angiebt, welches dann
in Rücksicht der Größe des Ereignisses, eine sehr
auffallende Bestätigung ist. Ich habe einige dieser
Phänomene in meinen vorigen Briefen angeführt,
und ich werde zeigen, daß man sich noch auf eine
ganze Folge von übereinstimmenden Zeugnissen hierü-
ber gefaßt machen muß; freylich wohl zum großen
Erstaunen aller derer, die sich durch diese grundlosen
geologischen Systeme zu ihrem großen Nachtheil
verleiten lassen.

13.

Aegypten und Indien sind die beyden Länder,
von welchen man unter dem Schutz der Unwissenheit
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[16]
in gründlicher Geologie die allermehresten chrono-
logischen
Fabeln entlehnt hat, die sich auf das ob-
scure Zeugniß einiger Unwissenden oder anmaaßen-
den Secten gründeten. Aber der Einfluß der An-
tiquarien die uns diese Erdichtungen überlieferten
und mit ihren Muthmaßungen begleiteten, muß
jezt den Naturforschern weichen, die das zuverläßige
Licht der wirklichen Phänomene verbreiten. Der
Commandeur de Dolomieu, dessen Meynung ich
schon in meinem vorigen Briefe angeführt habe, hat
nun im Journal de physique eine Abhandlung über
Aegypten geliefert, die für die Geschichte unsrer
Erde von großer Wichtigkeit ist. Dieser aufmerk-
same Beobachter erläutert darin viele geologische
Phänomene durch die großen, daselbst von Menschen-
händen unternommnen, Arbeiten, die zu der Zeit
ausgeführt worden da Aegypten stark bevölkert war,
und die dazu dienten theils das Wasser abzuleiten
und zu vertheilen, theils es während der Ueber-
schwemmung zu sammlen, um es dann zur Zeit der
Dürre benutzen zu können. Die gleichen Bedürf-
nisse haben auch in der Indischen Halbinsel auf der-
gleichen Auswege geführt, wo sie vielleicht zuerst
erfunden worden; wie ich dieß aus einer Be-
schreibung jenes Landes ersehe die ich vor kurzem er-
halten habe. Nun fragt sich: ist es der Einbil-
dungskraft erlaubt, diesen Unternehmungen, sie
mögen auch noch so auffallend groß seyn, ein ganz
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[17]
unbestimmt hohes Alter zuzuschreiben? Nein, ge-
wiß nicht. Denn, abgerechnet, daß die größten
Arbeiten der Art, die man in Aegypten findet,
unleugbar unter der bekannten Regierung des Seso-
stris
ausgeführt worden; so zeigt die Beschreibung
die Hr. de Dolomieu von den Operationen der
natürlichen Ursachen in jenen Gegenden und
von dem Fortgange und Laufe derselben giebt, die
auffallende Aehnlichkeit derselben mit dem was wir
mit allen Umständen in vielen Gegenden von Euro-
pa eben so bemerken können; und nachdem Hr. de
Dolomieu
diese Vergleichung genau auseinander-
gesetzt hat, so kan er sein Erstaunen darüber nicht
bergen, daß Schriftsteller, die für Geologen pas-
sirten, so lange Zeit, und recht um die Wette diese
Meynung vom hohen Alter des jetzigen Zustandes
unsrer Erdkugel haben behaupten können; die doch
durch eine solche Fülle von Phänomenen widerlegt
wird, die ihnen überall vor den Füßen und vor
Augen lagen!

14.

Wenn man die Geschichte der cosmogenischen Sy-
steme studirt, so findet man daß es die sogenann-
ten Versteinerungen sind die zur Geologie den
ersten Anlaß gegeben haben. Die erste Idee die
dieses bewunderswürdige Phänomen veranlassen muß-
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[18]
te, war natürlicherweise die, daß unser Planete
irgend eine große Revolution erfahren haben
müsse. Zu der Zeit, da die Offenbahrung
noch nicht unter denjenigen Völkern bestritten ward,
die sich doch zu ihr bekennen, war wiederum die
Vorstellung sehr natürlich daß diese so unverkenn-
bare Revolution durch die Sündfluth erfolgt
seyn müsse, die in unsern heiligen Büchern beschrie-
ben ist, und wovon sich die Tradition unter allen
asiatischen Völkerschaften findet. Freylich aber wur-
den die geologischen Phänomene anfangs nur ober-
flächlich beobachtet, und die ersten Beschreibungen
derselben durch mancherley Irrthümer verunstaltet;
folglich mußten in der Folge gar mancherley Ver-
bindungen die man zwischen den Phänomen und die-
sen eingemengten Irrthümern geknüpft hat, durch
das zunehmende Wachsthum der Wissenschaften wieder
aufgelößt und vernichtet werden. Und dieß hat denn
einige Naturalisten die den Text mit den Commen-
tatoren
verwechselten, dahin verleitet, das allge-
meine Verdammungsurthel über beyde zugleich aus-
zusprechen.
Wir lassen uns jezt um alle diese Systeme un-
bekümmert, die das Wachsthum der wahren Auf-
klärung
allgemach zu Grabe gebracht hat; sondern
halten uns zunächst an jenes erste Wahrzeichen einer
großen mit unserm Planeten vorgegangnen Revo-
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[19]
lution, nemlich an die Reste von organisirten
Körpern
die mitten in den Steinlagern unsers
festen Landes vergraben sind; und wollen versu-
chen ob nicht die Natur selbst ganz allein uns darü-
ber Aufschluß geben kann, wenn wir nur sie an-
hören und ihr nicht länger die Einbildungskraft –
diese größte Freundin der Naturwissenschaft
zum Dolmetscher geben!

15.

Diejenigen Reste von organisirten Körpern
die am allerallgemeinsten in unsern Erdlagern
verbreitet sind, gehören bekanntlich Seegeschöpfen
zu, und ich werde zuerst bey diesen verweilen. Ein
wichtiger diese Körper betreffender Umstand, den
man durch aufmerksame und ausgedehnte Beobach-
tung entdeckt hat, ist der, daß sie offenbar von
sehr verschiednem Datum sind, und daß die neu-
sten
darunter, sich blos in oberflächlichen Lagen
finden, die aus Sand und andern lockern Stoffen
bestehen. Diese Foßilien sind größtentheils von der
nemlichen Art, wie die noch jezt im Meere leben-
den Geschöpfe; und die Vollkommenheit ihrer Er-
haltung in einem Boden den das Regenwasser unauf-
hörlich durchnetzt, giebt sogleich einen Beweis von
dem unbeträchtlichen Alter der Revolution durch
welche dieser Boden aufs Trockne versetzt worden.
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[20]
Und daß man eben diese Körper im nemlichen
Grade der Erhaltung in so ganz verschiednen Höhen
findet, ist ein zwar ganz gemeines aber um nichts
desto minder wichtiges Factum, welches zum Er-
weise dient, daß das Meer unser festes Land
in einer einzigen Revolution verlassen, und seit der-
selben sein Niveau nicht merklich verändert hat; ein
Umstand, wobey wiederum Hr. de Dolomieu sich
verwundert, wie man ihn solange hat verkennen
dürfen, da er doch überall auf unserm festen Lande
am Tage liegt, und zugleich jeden Gedanken von
einem allmählichen Zurücktreten des Meeres von
unserm festen Lande, (man möge dieß einer Ursache
zuschreiben, welcher man wolle,) geradezu wi-
derlegt.

16.

Diese oberflächlichen lockern Sandlager sind
selbst eins der lezten Producte des alten Meeres,
ehe es sich plötzlich von unserm festen Lande zurück-
gezogen. Ich habe die Beweise dafür schon in mei-
nem vorigen Briefe berührt, und besonders die ab-
solute Unmöglichkeit gezeigt, sie etwa der Decompo-
sition von vorher anderwärts unter andrer Gestalt
existirenden festen Substanzen zuschreiben zu wollen,
die durch Ströme dahin geführt worden wären.
Herr de Dolomieu giebt ebenfalls einen sehr frap-
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[21]
panten Erweis dieser Unmöglichkeit in seiner Ab-
handlung über Aegypten, wo er bey der Beschrei-
bung der unermeßlichen Menge Sand, die dieses
Land (so wie in Libyen und Arabien) bis an die
Hügel bedeckt, sowohl aus der Lage der Gegenden
als aus der Natur des Bodens beweißt, daß es
ganz unmöglich ist, daß dieser Sand sollte haben
können durch Ströme herbeygeführt werden. Und
da er besonders vom Sand in Aegypten spricht,
so macht er einleuchtend, daß dieser an seinem jetzi-
gen Ort und Stelle schon hat existiren müssen, ehe
noch weder Nil noch sonst ein Fluß da gewesen
ist; d. h. bevor Aegypten und seine mit Sandbe-
deckten Hügel
als trocknes Land existirt hat.
Er macht bey dieser Gelegenheit eine allgemeine Be-
merkung, auf die ich auch schon mehrmalen durch-
sehr frappante Beyspiele geführt werden bin, daß
nemlich die Gelehrten nur gar zu oft versucht ha-
ben, solche Fragen mittelst irgend einer abgerißnen
Stelle aus einem Geschichtschreiber und einem
demselben angepaßten Commentar ihrer Imagination
zu beantworten, die doch ihrer Natur nach nicht für
die Litteratur, sondern für die physische Erd-
beschreibung
gehören; wodurch sie denn nicht we-
nig Irrthümer über die Geschichte der Erde verbrei-
tet haben. Er hingegen beschreibt die Gegenden
und die würklichen Operationen des Nils, und
zeigt deutlich, daß, das periodische bey diesen leztern
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[22]
abgerechnet, was vom Clima abhängt, alles übrige
sich eben so wie in den ähnlichen Lagen der Euro-
päischen Ströme verhält. Der abgesetzte Nie-
derschlag
im Nil bildet einen durchgehends hori-
zontal
liegenden schwarzen, zähen und fruchtbaren
Schlamm; da hingegen die Sandlager über wel-
che sich das Nilwasser nicht verbreiten kann, nir-
gend Wasserpaß liegen, ferner von weisser oder
rother Farbe, und von einem so feinen und lockern
Korne sind, daß sie unaufhörlich vom Winde umher-
getrieben werden; so daß eben deswegen, und dann
wegen der großen Hitze die sie in der trocknen Jahrs-
zeit vermehren, keine Vegetation auf ihnen statt
haben kann.

17.

Man sieht also aus diesem einzigen Beyspiel,
das unter verschiednen Abänderungen auf alle sandige
Gegenden paßt, wo Flüße laufen; daß man den
Sand der so allgemein nicht nur über unsre Erd-
fläche, sondern auch auf dem gegenwärtigen Meeres-
boden verbreitet ist, sorgfältig, und in verschiednen
Weltgegenden, und in seinen mancherley Lagen und
Verbindungen hätte studiren sollen, ehe man über
seinen Ursprung entschieden hätte. Dieser Sand
findet sich in parallelen Schichten zuweilen von
beträchtlicher Tiefe, auf Anhöhen sowohl als in
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[23]
Ebnen; und zwar enthalten einige dieser Schichten
eine Fülle von Seegeschöpfen, zuweilen von einer
und eben derselben Art, zuweilen aber auch von
mehreren untereinander, gerade so wie es auf dem
Boden unsers jetzigen Meeres der gleiche Fall ist.
Die Anhäufung dieser Sandlager ist also in nichts
von derjenigen Stoffe ihrer verschieden, welche die
festen Steinlager ausmachen, die von jenem Sande
bedeckt werden. Sie sind so wie diese auch eben
den Rissen und Senkungen ausgesetzt gewesen,
die, wie ich in meinem vorigen Briefe gezeigt habe,
als eines der allerwichtigsten geologischen Phänomene
anzusehen sind.

18.

Das Studium dieses großen Ganzen hat endlich
den aufmerksamen Naturforschern den einzigen Weg
gebahnt, um in der Geologie Fortschritte zu ma-
chen. Was half es zur Geschichte der Erde, wenn
man vorher die Entstehung der unermeßlichen Men-
ge von lockern Stoffen die auf der Erdfläche ver-
breitet sind, so ganz willkührlich der Zerstörung älte-
rer fester Stoffe zuschrieb, ohne die Steinlager
untersucht zu haben, die davon bedeckt werden, und
bey welchen doch am Ende die nemlichen Fragen wie-
derholt werden mußten! Wie konnte man sich ein-
bilden bis zu den wahren Ursachen zu gelangen,
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[24]
wenn man nicht die sämmtlichen dadurch veranlaßten
Phänomene zusammen umfaßt? hingegen ist es der
Befolgung dieser Regel, der Totalübersicht aller
Phänomene zusammen zuzuschreiben, daß nun die
Herren de la Metherie, de Saussüre, de Do-
lomieu
, Pini
und ich über diesen Hauptgrund-
satz vollkommen einverstanden sind, daß alle die
Substanzen die jezt sowohl die Masse unsers festen
Landes
als auch das Bette des Meeres ausma-
chen, (den Granit mit eingeschlossen) einst, in
irgend einer entfernten Epoche, einen Theil einer
Flüßigkeit ausgemacht haben müssen, die unsere Erd-
kugel bedeckt hat, und aus welcher sie sich nach
und nach
und nach chemischen Gesetzen abgesondert
haben; daß dieß folglich eine festzusetzende Epoche
ist, von welcher man dann ausgehen muß, wenn
man den jetzigen Zustand unsrer Erde erklären will,
der nichts anders ist als eine gewisse Periode in
einer ununterbrochnen Folge von Phänomenen die
von jener Epoche ihren Anfang genommen haben.
Und dieß ist dann der Gegenstand mit welchem ich
mich gegenwärtig beschäftige.

19.

Um sich zu dieser Epoche durch die Analyse der
Phänomene zurück zu finden, so werde ich wieder
von den Resten abgestorbener Seegeschöpfe aus-
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[25]
gehn die sich in unsern Erdschichten finden. Es
ist unmöglich diese Geschöpfe in den mannichfalti-
gen Schichten die dergleichen enthalten, zu studie-
ren, ohne sogleich zu erkennen, daß die Thiere
von deren ehmaligen Existenz sie zeugen, an Ort und
Stelle wo wir sie jezt finden, auch vordem gelebt
haben müssen, und daß sie da erzeugt worden, wäh-
rend die mineralischen Substanzen worin sie
enthalten sind, sich daselbst anhäuften; aber auch
allgemach verschiedne Arten dieser letzten sowohl als
verschiedner Arten der Seegeschöpfe selbst Lager-
weise abwechselten; da man unverkennbar sieht,
daß sich mit jenen anfänglichen Flüßigkeiten suc-
cessive Veränderungen zugetragen haben, welche die
verschiednen Successionen von thierischen Bewoh-
nern zur Folge gehabt haben.
Man bemerkt an gewissen schroffen Felsenflächen
die Durchschnitte der successiven großen Schichten,
so, daß man da die Geschichte des vormaligen Mee-
res
lesen kann, so wie man die Geschichte des Men-
schengeschlechts in den Archiven der Völkerschaften
ließt. Man sieht z. B. an einer solchen schroffen
Fläche zu unterst Thonlager welche die Reste von
gewissen Arten von Seegeschöpfen enthalten: un-
mittelbar auf diesen ruhen Schichten von Kalk-
stein
, die zwar ebenfalls Reste von Seethieren ent-
halten, oder von Gattungen die sehr merklich von
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[26]
den vorigen verschieden sind. Auf diese zweyte Classe
von Schichten folgen dann etwa ebenfalls kalkar-
tige, aber wiederum von einer ganz andern Art,
z. B. Kreidelager in welchen die darin enthaltenen
Seegeschöpfe sehr große Veränderungen erlitten
haben. Weiter hinauf folgen vielleicht Sandstein-
lager
, die gar keine Spur von Seegeschöpfen ent-
halten; oder lockere Sandlager voller See-
geschöpfe und zwar von den nemlichen Arten die
noch jezt im Meere leben.
Wenn man nun endlich alle diese successiven
Folgen der Ursachen studirt hat, die ehedem auf
unsre Erde gewürkt haben, und dann mit der glei-
chen Aufmerksamkeit das beobachtet, was nun ge-
genwärtig auf dem Meeresboden vorgeht, so findet
man unverkennbar, daß alle jene successiven partiel-
len Ursachen jezt erschöpft und auf andere Ursa-
chen
reducirt sind, die nun keinem weitern merkli-
chen Wechsel unterworfen sind. Das jetzige Meer
wälzt und bewegt zwar auf seinem Boden den Sand
der ihn bedeckt, oder den Schlich (la vase ) und
den Grand der ihm durch die Flüße etc. zugeführt
wird, mengt auch die thierischen Reste seiner jetzigen
Bewohner darunter; bewürkt aber keine chemische
Präcipitationen
mehr, und bringt nichts hervor
was mit unsern Steinlagern die mindste Aehn-
lichkeit hätte. Auch dies hat Hr. de Dolomieu
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[27]
völlig eben so wie ich bemerkt, und es ergiebt sich
daraus offenbar, daß man, um unsre geologi-
schen Denkmähler
zu verstehen, weit höher als
zu den gegenwärtig würkenden Ursachen zurückge-
hen müsse.

20.

Da es nach den Thatsachen wovon ich oben nur
einen kleinen Entwurf gegeben, unverkennbar ist,
daß die Seegeschöpfe die man in unsern Stein-
lagern
findet, auch darin gelebt und sich fortge-
pflanzt haben, so wie sich die Stoffe derselben aus
der Flüßigkeit absonderten, so mußte ihre allmäh-
lige Anhäufung auf einen zusammenhängenden
und würklich horizontalen Boden erfolgen; und
doch finden sich nun jene Schichten zerrissen, ge-
stürzt, verschoben u. s. w. und zeigen nichts als un-
förmliche Ruinen, so daß man die Spuren der
Folge der Ursachen mitten unter der größten Un-
ordnung der Denkmähler aufsuchen muß. Da-
her haben aber auch diejenigen die sich damit begnüg-
ten die geologischen Phänomene nur oberflächlich zu
studiren, und dabey doch zu den ältesten Ursachen
zurückgehen wollten, von welchen uns Denkmäh-
ler
übrig sind, nichts als confuse Systeme geliefert,
deren Irrthümer in gleichem Maaße aufgedeckt wur-
den, so wie sich das Licht über die wirklichen Facta
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[28]
immer mehr verbreitete. Ich kann nicht umhin nur
ein einziges Beyspiel davon zu geben.

21.

Einige Naturforscher, welche die Schichten
von verschiedenen Seegeschöpfen blos auf einigen
Hügeln und Ebnen gesehen hatten, wo dieselben
meist horizontal lagen, haben sich eingebildet daß
diese jetzige Horizontalität das unterscheidende
Wahrzeichen von Stoffen sey, die langsam und nach
einander (successivement ) im Meere zu Boden
gesetzt
worden. Von dieser Idee giengen sie aus;
und da sie in der Folge keine andern primitiven
Gebirgsarten (unter welchen der Granit den er-
sten Rang behauptet) sahen, als nur in gewissen
Gebirgen wo sich die Abtheilungen (divisions )
ihrer Massen in allerhand verschiedenen Neigungs-
winkeln
und zuweilen fast senkelrecht zeigten;
so nahmen sie diese Abtheilungen für zufällige Risse
und schrieben diese Steinarten die vor dem Daseyn
der Seegeschöpfe existirt hatten, auf die confuse
Anhäufung von dichten Stückchen die entweder durch
plötzliche Crystallisation, oder durch gewaltsame Be-
wegung der vormahligen Flüßigkeit, oder durch ir-
gend eine andere eben so confuse Ursache bewürkt
worden sey. Nun aber finden sich unter den Ge-
birgsarten welche Seegeschöpfe enthalten, und
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[29]
die sich folglich in zusammenhängenden und meist
horizontalen Schichten zusammengehäuft haben
müßten, an sehr vielen Orten, ungeheure Massen,
die ganze Gebirgsketten bilden, wo die Schichten
fast senkelrecht liegen, und ihren Queerbruch oder
Durchschnitt oben in der Höhe zeigen; und von der
andern Seite ist es eben so gemein, daß man primi-
tive
Gebirgsarten, und besonders den Granit in
eben so horizontalen Schichten findet, als sonst
diejenigen zu seyn pflegen die Seegeschöpfe ent-
halten. Hier dienen uns also abermahls diese Ge-
schöpfe
zu Wegweisern; denn ihre Gegenwart in
den fast senkelrechten Schichten die doch einst
haben horizontal liegen müssen, zeigt uns über-
haupt, daß jetzige Horizontalität bey weitem nicht
nothwendig ist um primitive Stratification anzu-
nehmen; und daß eine jetzige sehr schräge gestürzte
oder selbst senkelrechte Lage bey weitem nicht ur-
sprüngliche Horizontalität auszuschließen braucht.
Mit einem Wort: daß die Schichten von allen Ge-
birgsarten haben ehedem können horizontal liegen,
ob wir gleich heutiges Tages in allen Classen dersel-
ben so viele sehen die von jener Lage so sehr entfernt
sind. Ich werde nachher auf diesen Punkt zurück-
kommen, will nur aber erst zu den Beyspielen die
ich im Journal de physique von der häufigen Ho-
rizontalität
der Granitlagen und überhaupt
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[30]
von der wirklichen Stratification dieser Steinart
gegeben habe, noch ein neues hinzufügen.

22.

Was ich oben von der Indischen Halbinsel
anführte, ist aus einer Beschreibung dieses Landes
entlehnt, die von den Englischen Ingenieurs die es
im letzten Kriege besucht haben, ans Gouvernement
von Bengalen geschickt worden, wovon denn einer
von meinen Söhnen der sich in Indien befindet, ei-
nige Auszüge erhalten hat, worunter sich auch fol-
gende Stelle über Mysore den höchstliegenden Theil
jener Halbinsel, findet:
„Das ganze Land besteht aus Granit der
in sehr deutlichen Lagen geschichtet ist, die
von verschiedener Dicke, doch selten über 2 Fuß
stark sind: überhaupt hat er eine horizontale
Lage, ausgenommen in den schroffen Fel-
sen
. . . . . Seine Schichten lassen sich
leicht von einander lösen, und man zerschlägt
sie zu meist rechtwinklichten Bausteinen, denn
sie mit dem Meisel zu behauen, würde zu viel
kosten.„
Also, wenn man diese primitiven Gebirgsarten
und dann die so Seegeschöpfe enthalten, auch nur
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[31]
einzeln jedes für sich betrachtet, so ist die ursprüng-
liche Stratification der erstern eben so unbezwei-
felt als der letztern ihre, und man kann bey allen
beyden, wenn man sie an Ort und Stelle untersucht,
immer erkennen, daß ihre gegenwärtige Lage blos
die Folge von großen gewaltsamen Revolutionen ist;
aber noch leichter entdeckt man dieß, wie ich zeigen
werde, in ihren Verbindungen unter einander.

23.

Besonders sind es die großen Gebirgsketten
auf welchen man die uranfängliche Verbindung der
primitiven Gebirgsarten mit denen die zunächst
nach ihnen hervorgebracht worden, bemerkt. Denn
obgleich die Revolutionen, wodurch diese großen
Anhöhen hervorgebracht worden, schon an und
für sich sehr gros gewesen, so zeigen sich doch ihre
Ursachen daselbst weit einfacher, minder verwickelt
durch neue Gebirgslagen und neue Catastrophen,
als in den übrigen Gegenden des vormaligen Mee-
resboden.
Am häufigsten findet man auswendig an diesen Ge-
birgsketten
, und zwar in ihrer ganzen Länge,
Kalklager die mit Seegeschöpfen gefüllt sind,
wo die Schichten sehr verschiedene Neigungs-
winkel
haben: Diese Kalklager sind oft unterbro-
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[32]
chen, und diese Unterbrechungen, sind so wie alle
übrigen, wodurch die Gebirgsketten in den ver-
schiedenen Anhöhen durchschnitten werden, durch
Risse und Einsturz der Schichten verursacht.
Auf diese ersten Lager folgen nach innen zu an-
dre, ebenfalls von Kalkstein, aber mit weit weni-
gern und theils fast gar keinen Seegeschöpfen;
diese zweyten Lager liegen meist höher hinauf als
die vorigen, und ihre Schichten sind oft so ge-
stürzt
, daß die Queerdurchschnitte derselben,
sich auf der Spitze mächtiger Anhöhen finden, und
an andern Stellen schroffe Flächen bilden.
Diese gestürzten Massen stützen sich weiter nach
innen auf die Lager von Schiefer und von
Grauwacke (roche grise ) die, wenn gleich mit
Ausnahmen, doch im Ganzen noch stärker und all-
gemeiner gestürzt liegen, als die vorhergehenden.
Auch gehören diese Gebirgsarten nun schon zu den
primitiven, das heißt, ihre Entstehung ist offen-
bar vor der Schöpfung der organisirten Körper
vorausgegangen, als von welchen sich keine Spur
in denselben findet.
Endlich stützen sich diese leztern Schichten,
deren Queerbruch oder Durchschnitt sich fast
überall auf den Gipfeln ihrer Anhöhen zeigen, an
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[33]
den Granit und andre ihm nächst verwandte Ge-
birgsarten, die gleichsam den Kern dieser Gebirgs-
ketten
ausmachen. In diesem Kerne herrscht das
größte Chaos, so wie unter den Ruinen die über
den zertrümmerten Schichten hinaus ragen; deren,
einige mehr oder weniger ihre horizontale Lage
erhalten haben, andre hingegen als Obelisken sich
erheben, so daß ihre Schichten fast senkelrecht
stehen.

24.

Man muß die Beschreibung solcher Gebürge in
den Abhandlungen des Hrn. Pallas über Sibirien,
des Hrn. Patrin über Daurien, des Hrn. de
Dolomieu
über Tyrol, des Hrn. Ramond de
Charboniere
über die Pyrenäen, oder in den
ausgemahlten Kupfern des Hrn. von Mechel;
vor allen aber in den Alpenreisen des Hrn. de
Saussure
sehen, diesem für die Geologie so claßi-
schen Werke, sowohl wegen der Fülle von genau-
beschriebenen Thatsachen die es enthält, als auch
wegen verschiedener Fundamental-Bemerkungen.
Unter andern verdanken wir es diesem letztgenann-
ten Naturforscher, daß er endlich das Chaos von
Substanzen in den großen Gebirgsketten ins reine
gebracht hat, so daß nun jeder aufmerksame Beob-
achter anerkennen muß, daß die verschiedenen Schich-
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[34]
ten die nun jetzt schräg an einander lehnen,
anfänglich in horizontaler Lage (eine über der an-
dern) haben gebildet werden müssen; wie dieß in
Rücksicht der Kalkflöze mit Seegeschöpfen ganz
augenscheinlich ist, deren Schichten sich jetzt schräg
an einander lehnen, gerade so wie sie sich sämmt-
lich an die primitiven Gebirgsarten anlegen; und
daß es den Rissen und Spalten der ganzen ge-
schichteten
Masse an den Stellen, die jetzt die Mit-
te dieser Gebirgsketten ausmachen, und den Ein-
senkungen
der Seitentheile der auf diese Weise
getrennten Massen zuzuschreiben ist, wenn die ur-
sprünglich niedrigen Lagen sich jetzt in der Mitte
der Gebirge erhoben und umgestürzt, und hingegen
die anfänglich obern Lagen sich nun nach aussen
herumgeworfen zeigen.

25.

Hr. de Saussure geht auch von den Seege-
schöpfen
, als unsern ersten Führern in der Geolo-
gie, aus; und macht besonders durch diese die Re-
volutionen bemerkbar, welche die Massen von so
verschiedenen Stoffen, woraus unsre großen Gebirgs-
ketten zusammengesetzt sind, seit ihrer Bildung haben
erleiden müssen. Die innige dichte Verbindung der
Schichten von allen diesen verschiedenen Stoffen
gestattet gar die Voraussetzung nicht, daß etwa
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[35]
die einen ihre Lage ohne die andern hätten verändern
können: – Nun aber haben diejenigen von diesen
so stark gestürzten Schichten, welche Seege-
schöpfe
enthalten, nothwendig in einer meist hori-
zontalen
Lage gebildet werden müssen; folglich
mußten auch die primitiven Schichten ohne
Seegeschöpfe, die so nahe an jenen anliegen, eben
so wie sie gestürzt sind, und auf welche jene sich
anlehnen, auch ursprünglich horizontal und un-
ter
jenen liegen. Und doch, so evident auch dieser
Beweis ist, so war es doch nicht das erste was Hrn.
de Saussüre
hier auffiel. Die Gewohnheit mach-
te, daß auch Er hier in die gleiche Unaufmerksamkeit
verfiel, die in dieser Rücksicht bis dahin bey allen
Geologen geherrscht hatte. Er bedurfte irgend eines
andern neuen Phänomens um ihn hierüber nachden-
kend zu machen; und dieses fand er mitten im Her-
zen der primitiven Gebirgsarten selbst, wo er
nemlich Schichten von Breschen (Puddingstein,
Nagelfluhr
etc.) sah, die eben so schräg in die
Höhe gekehrt
, oben ihren Queerbruch zeigten,
wie die Schichten von Thonschiefer und Granit
zwischen welche jene eingeschlossen waren; ein Phä-
nomen wovon man zahlreiche Beyspiele findet. Nur
aber haben solche Schichten nothwendig müssen
in einer meist horizontalen Lage gebildet werden:
denn da sie Trümmern von andern Steinarten
enthalten, so mußten sie einst weich gewesen seyn;
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[36]
und es ist gar nicht denkbar, daß solche Schichten,
die übrigens unter einander eben so parallel liegen,
als die in den übrigen Classen von Gebirgsarten,
in einem weichen Vehikel in einer fast verticalen
Lage sollten haben können gebildet werden. Folg-
lich bleibt die gleichförmige ursprüngliche Lage der
sämmtlichen Schichten, die unsre Gebirgsmassen
ausmachen, keinem weitern Zweifel unterworfen;
alle, vom Granit anzufangen, sind in horizon-
taler
Lage geformt, und folglich zeigt uns die Ord-
nung, in welcher sie von innen nach aussen aufeinan-
der liegen, eine Reihe von chemischen Präcipi-
tationen
, die sich in der Flüßigkeit, die einst unsre
ganze Erdkugel bedeckte, ereignet haben.

26.

Ich schränke mich hier auf dieses einzige Beyspiel
ein, das aus unsern beträchtlichsten Gebirgsketten
entlehnt ist; weil diejenigen Schichten die erst nach
jenen Totalconvulsionen, wovon diese großen Denk-
mähler zeugen, entstanden sind, sich erst auf einen
schon zerrissenen Boden, der selbst schon partielle Ca-
tastrophen erfahren hatte, angehäuft haben; was
dann Local-Veränderungen in der Flüßigkeit selbst,
und abgeänderte Präcipitationen zur Folge hat-
te; so daß sich daher auch in der Folge dieser
Schichten wenig Gleichförmigkeit zeigt. Ich wer-
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[37]
de das vorzüglichste dahin gehörige in meinem näch-
sten Briefe anzeigen; hier sind hingegen diese ein-
zelnen Umstände unnöthig, da jetzt meine Absicht
blos war zu beweisen, daß die ganze Masse unsers
festen Landes aus Schichten besteht, die nach
und nach in einer Flüßigkeit gebildet worden; denn
niemand hat noch die Stratification der soge-
nannten secundären Stoffe geläugnet (die man,
ich weis nicht warum, auch zuweilen tertiäre
nennt) wovon die primitiven Gebirgsarten so
bedeckt sind, daß wir ohne die Revolutionen, welche
Stücken davon nach aussen geführt haben (– theils
in großen Geschieben, wie dieß in manchen Gebir-
gen und Hügeln der Fall ist; theils aber nur in
kleinen Trümmern die fast überall auf dem Boden
zerstreut und verbreitet sind –) von ihrer Existenz
nichts wissen würden.

27.

Ich sah mich in meinem vorigen Briefe und auch
hier in diesem genöthigt, den großen Charakter der
geologischen Denkmähler, nemlich die Umstürzun-
gen
, die in allen Classen von Gebirgslagen sich
zeigen, als ein Factum anzuführen (ohngeachtet
ich bis jetzt noch von der Ursache desselben nicht
sprechen konnte) weil dieses Factum unentbehrlich
war um zu zeigen: „daß die ganze Masse von Stof-
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[38]
fen, die unser festes Land, soweit wir es kennen,
ausmachen, aus einer Folge von Schichten zu-
sammengesetzt ist, worunter die von Granit und
den ihm verwandten Steinarten, zuerst gebildet
worden, und sich durchgehends unter allen übrigen
Gebirgslagern finden müssen.„
Aber jetzt lasse
ich diese Zufälle beyseite, die ihre besondern Ursa-
chen haben, ohngeachtet auch diese mit allen übrigen
Ursachen in Verbindung stehen; und ich werde mich
gegenwärtig blos mit der Folge dieser Schichten
selbst beschäftigen, um zu ihrem Ursprung zu ge-
langen.

28.

Als ich in meinem vorigen Briefe den bewun-
dernswürdigen Bau unsers festen Landes ausein-
ander setzte, das nichts als Ruinen darbietet,
so merkte ich an, daß man sich keinen richtigen Be-
grif von dieser confusen Zusammenstellung so un-
gleichartiger Stoffe machen könne, wenn man
nicht ausgefunden hat, wie sie gebildet worden;
und nun glaube ich gezeigt zu haben: „daß sie an
Ort und Stelle selbst wo sie gefunden werden,
durch chemische Präcipitationen aus einer Flüßig-
keit gebildet worden, die anfänglich die ganze Erde
bedeckte, und daß sie sich nach und nach aus dieser
Flüßigkeit unter der Gestalt von Schichten zu
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[39]
Boden gesetzt haben, welche Schichten dann sich
nach den unmerklichen Unebenheiten und Neigun-
gen dieses Bodens richteten.„
– Aber wie neh-
men nun diese Operationen ihren Anfang? welche
Ursache kam dazu um sie zu einer gewissen Zeit
zu vollenden? Diejenigen die sich eingebildet hatten,
daß wir blos zur Einbildungskraft unsre Zu-
flucht nehmen müßten um Begebenheiten von einem
so hohen Alter zu verfolgen, ahndeten nicht, daß
uns die Beobachtung einst entscheidende Facta dar-
bieten würde, um die Epoche jenes Anfangs
zu bestimmen, und das zwar durch Kennzeichen, die
der Physik Anlaß geben würden eine Ursache fest-
zusetzen, durch welche alles das hat bewürkt werden
können, was wir in diesem Bezug auf unsrer Erd-
kugel bemerken.

29.

Wir wissen also, daß von der Bildung der
Granitlagen an, sich auf dem Boden einer an-
fänglichen Flüßigkeit eine ununterbrochne Folge
von andern Arten mineralischer Schichten nie-
dergesetzt hat; daß nach einem gewissen Zeitraum
diese Flüßigkeit mit Seegeschöpfen ist bevölkert
worden, deren Arten ebenfalls nach und nach ab-
geändert worden; und daß die Reste dieser verschie-
denen Thiere in den verschiedenen Schichten bis
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[40]
zuletzt im Sande und andern lockern Stoffen, die
einen großen Theil der Oberfläche unsers Erdbo-
dens
bedecken, ihr Grab gefunden. Wir haben
ferner gesehen, daß die schon gebildeten und ver-
härteten Schichten von Zeit zu Zeit gewaltsame
Erschütterungen erlitten haben, wodurch sie
gröstentheils eingestürzt und blos da wo sie ein-
gebrochen einige Anhöhen, nemlich unser Gebirge,
hinterlassen; und wir können endlich aus zahlreichen
Phänomenen mit Gewißheit schließen, daß durch
eine dieser Erschütterungen und zwar durch die
letzte wovon wir Spuren finden, unser jetziges
festes Land aufs trockne versetzt worden.

30.

Wir haben also hier eine ununterbrochne Folge
von Operationen, die mit der Bildung des Granits
ihren Anfang nehmen; und wenn die Bildung die-
ser Gebirgsart in einer unbestimmt weit entfernten
Zeit zurückgesetzt würde, so würde auch alles was
ohne Dazwischenkunft neuer fremder Ursachen, die
Folge davon gewesen seyn müßte, ebenfalls auch seit
einer unbestimmten Zeit vollendet seyn. Nun aber
war unser festes Land bey seiner Entstehung schon
mit Ruinen bedeckt, in welchen sich namentlich ge-
stürzte Granitschichten fanden; und durch die
in der freyen Luft würkenden Ursachen mußten alle
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[41]
die schroffen und geborstnen Flächen dieser Ruinen
allgemach verwittern, und in Brocken zerfallen.
In der That nahm auch diese Operation damals
schon ihren Anfang; allein sie dauert noch immer
fort und ist noch gar weit von ihrem Ende entfernt.
Folglich wird die Bildung der Granitschichten,
mit welchen die Folge von Operationen beginnt,
wovon wir die Denkmahle auf unsrer Erde finden,
zu einer bestimmten Epoche; die, sie mag auch
von noch so hohem Alter seyn, wenigstens in einer
endlichen Entfernung steht; d. h. sie verläuft
sich nicht bis in den Anfang der Dinge, ein
Ausdruck, dessen man sich zuweilen bedient, ohne
ihm einen für Menschen begreiflichen Sinn beylegen
zu können. Dieß lehren uns schon die Facta, und
nun werde ich zeigen daß die Physik uns Mittel
darbietet auf deren gleichen Wege auf die Stufen-
folge der Ursachen zurückzugehen.

31.

Zuerst bietet sich hierbey eine Frage dar, deren
Beantwortung ins Gebiete der Chemie gehört.
Da die Bildung der Granitschichten die erste von
denen Operationen ist, wovon wir Denkmahle auf
unsrer Erde finden, und da dieß eine chemische
Operation hat seyn müssen, so fragt sich: was ist
das also für eine Ursache, die vor dieser Epoche
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[42]
nicht existirt hat, sondern erst dann eingetreten ist,
und nun diese erste Operation und vermuthlich auch
alle die folgenden bestimmt hat? Sobald sich diese
bestimmte Frage dem philosophischen Chemiker dar-
stellt, und er alle untergeordneten oder zufälligen
Ursachen bey Seite setzt, so gelangt er sehr bald zu
einer causa sine qua non , nemlich zur Flüßigkeit.
Denn in der That würde es vergebens seyn, wenn
man Ingredienzen, die nach ihren Verwandschaf-
ten einer wechselseitigen Verbindung oder Zersetzung
fähig sind, aufs feinste gepülvert untereinander men-
gen wollte. Wenn nicht die Flüßigkeit darzu kä-
me, würde doch keine Würkung daraus erfolgen.
Aber sobald diese nun hinzuträte, würden die Affi-
nitäten in Thätigkeit gesetzt, und alles was dadurch
bewürkt werden könnte, würde nach und nach eintre-
ten. Ich habe die Ursache davon in meinen Schrif-
ten auseinander gesetzt, und nehme die Sache hier
als ein Factum an. Folglich hätten alle die In-
gredienzen
deren verschiedene Verbindungen nicht
blos unsre Mineralschichten und alle Modifica-
tionen derselben, sondern auch unsre Atmosphäre
und die Flüßigkeit des jetzigen Meeres hervor-
gebracht haben, mit einem Wort alles was wir auf
unsrer Erde bemerken; alles alles das hätte ewig
zusammen gemengt seyn und bleiben können, ohne
jemals seinen Zustand zu verändern, wenn nicht
die Flüßigkeit hinzugekommen wäre. Aber sobald
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[43]
diese nun statt hatte, so mußten alle die chemi-
schen Verbindungen
, deren diese Ingredien-
zen
fähig waren, anfangen, und so lange fortfah-
ren, als die schon erfolgten Verbindungen andre
neue bewürken, und die Producte im Stande wa-
ren ihren Zustand oder Lage zu verändern. Folglich
können wir ganz sicher von dem Grundsatz ausgehn:
„dass die Epoche, von welcher alle die Operationen
auf unsrer Erde begonnen haben, wovon wir
die Denkmahle vor Augen haben, durch diesen un-
mittelbaren chemischen Character bezeichnet wird,
daß die Flüßigkeit damahls in die Substanzen zu
würken anfieng, aus welchen ihre Masse zusam-
mengesetzt war.„

32.

Dieses wichtige Resultat der von mir hier ent-
worfenen Phänomene, das in der Folge die Grund-
lage einer auf Physik gegründeten Geschichte der
Erde
wird, fließt auch noch aus einem andern
großen Factum, das dem ersten Anschein nach, von
dem vorigen unabhängig ist, im Grunde aber durch
die nemlichen Ursachen damit zusammenhängt. Die
kuglichte Gestalt der Erde hatte seit langer Zeit
auf den Gedanken geleitet, daß ihre Masse, wenig-
stens bis in eine gewisse Tiefe, flüßig gewesen seyn
müsse: und Newton, der von dieser Idee, in
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[44]
Verbindung mit der bestimmten Bewegung in der
Umwälzung der Erdkugel ausgegangen war,
hatte gefunden, daß sich der Durchmesser derselben
zwischen ihren beiden Polen zum Durchmesser ihres
Aequators verhalten müsse, wie 229. zu 230.
Nun aber findet sich in den philosophical Transa-
ctions
der königlichen Societät zu London, vom
J. 1791. eine Abhandlung des Hrn. Dalby
, in
welcher er die allgemeine Uebersicht der Resultate von
Messung eines Grads des Meridians in verschie-
denen Breiten giebt, und daraus zeigt, daß diese
Bestimmung Newton’s durch die Erfahrung so
sehr bestätigt ist, als man es nur von diesem letztern
Mittel der Bestimmung erwarten konnte. Wir
wissen also nun, daß unsre Erdkugel in der That
anfangs flüßig gewesen, wenigstens bis in eine ge-
wisse Tiefe; und daß, als sie in den zu ihrer Ge-
stalt nothwendigen Theilen Festigkeit erhielt, sie
offenbar die gleiche Geschwindigkeit in ihrer Um-
wälzung
hatte, die wir noch jetzt an ihr finden.
Und dieß ist das Factum von welchem ich sprechen
will.

33.

Jetzt wollen wir nun das prüfen, was uns
von dem festen Theil unsrer Erde bekannt ist, un-
sre sogenannten Welttheile (continens ). Erstens
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[45]
ist derselbe ganz aus Schichten zusammengesetzt:
ferner wissen wir daß die Stoffe dieser Schichten
sich haben aus einer Flüßigkeit abscheiden müssen:
und wir haben gesehen, daß diese Operationen so-
gleich anfangen mußten als Flüßigkeit in die Erde
würkte. Nun aber hat unser festes Land die
nemliche Gestalt wie die flüßige Masse, aus wel-
cher sich seine Schichten abgesondert haben, nem-
lich das Meer. Ich rede hier blos von der allge-
meinen Masse unsers festen Landes, die von ei-
nem Pol zum andern offenbar die gleiche Erhebung
über die jetzige Meeresfläche zeigt. Denn was
die Richtung der einzelnen besondern Schichten be-
trift, so folgen die keiner einzigen bestimmten Re-
gel, sondern alles ist untereinander geworfen, in den
Ebnen und auf den Hügeln, so wie in den Gebir-
gen: aber diese Verwirrung verursacht doch nichts
als unordentliche Ziczacs nach allen Richtungen auf
einer gemeinschaftlichen Kugelfläche, deren ihre große
Unebenheiten, nemlich unsre hohen Gebirge, da sie
weder bestimmte Breite noch Richtung halten,
um desto deutlicher zeigen, daß sie von andern be-
sondern Ursachen herrühren, die von der allgemei-
nen Gestalt unsrer Erdkugel unabhängig sind. Folg-
lich können wir nun unsern ersten Grundsatz noch
bestimmter ausdrücken und ihn in folgenden umän-
dern: „Sobald die Erde Flüßigkeit erhalten,
und dadurch ihre gegenwärtige Gestalt angenom-
Digitalisat/129