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Magazin
für das Neueste
aus der
Physik
und
Naturgeschichte
,

zuerst herausgegeben
von dem Legationsrath Lichtenberg,
fortgesetzt
von Johann Heinrich Voigt,
d.W.D.Prof. der Mathematik zu Jena, auch Mitglied
der naturforschenden Gesellschaft daselbst, und Corresp. der
Königl.Gesellsch. der Wissens. zu Göttingen.

Zehnten Bandes viertes Stück, mit einer ge-
druckten Tafel.

Gotha1796.
bey Carl Wilhelm Ettinger.
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[1]

Neue Beobachtungen.

I.
Herrn de Luc’s geologische Briefe an
Hrn. Prof. Blumenbach.

aus der französischen Handschrift.

Fünfter Brief. Fortsetzung.

21.

Eben dieses Resultat wird uns auch der Ackerbau
liefern. Allenthalben, wo wir in der Völkergeschichte
zurückgehen, finden wir Landwirthe, und können die
ununterbrochenen Spuren urbar gemachter Felder ver-
folgen. Indessen läßt sich doch aus den Nachrichten
der Reisenden schließen, daß die Hälfte unsers festen
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[2]
Landes noch unangebaut sey. Gewisse Erdstrecken,
die entweder sogleich durch ihren Anbau, oder durch
Verbindungen mit bereits angebauten Gegenden, die
sich von ihnen erwarten ließen, etwas Anziehendes hat-
ten, wurden die Wiege großer Nationen, und in
ihrem Bezirke sind die Fortschritte der Cultur
wenig zu bemerken; allein es sind aus ihnen, wie
aus einer Pflanzschule, Menschen ausgegangen, wel-
che anfangs herumschweiften und dann das Land bau-
ten. Hieraus entstanden zahlreiche Mittelpunkte
von Cultur,
die sich hie und da in die ersten Wü-
steneyen verbreiteten und seitdem nicht aufgehört ha-
ben, sich selbst zu vergrößern und neue Colonien zu
bilden. Allenthalben erstreckt sich dieser Gang rings
um diejenigen Oerter herum, welche an unbebaute
Länder grenzen und er ist noch weit von seinem Ende
entfernt. Hier erblickt man also noch eine neue Fol-
ge von Operationen, welche ihr Daseyn dem Entste-
hen unsers festen Landes zu verdanken haben, und
wenn ich in dieser Hinsicht meine Beobachtungen mit
denen von andern Reisenden vergleiche, so finde ich
Gelegenheit wahrzunehmen, daß die Fortschritte
der Cultur
an allen den Orten, von welchen ich ge-
redet habe, so deutliche Spuren hinterlassen haben,
daß, wenn man seine Aufmerksamkeit darauf richtet,
der Anblick des Landes, die Namen der Oerter, die
Kennzeichen der Vergrösserung, die wechselseitigen
Verhältnisse gegen einander in Rücksicht der Spra-
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[3]
che, die Meynungen und Gebräuche, der Ursprung
öffentlicher Arbeiten durch Anwachs der Hülfsmittel,
der Nationalfortgang der Künste, des Handels und
des Luxus, mit einem Worte, alles im umgekehrten
Gange, von jeder Seite, auf Hauptplätze hinführt,
zu welchen die Geschichte oder Tradition bis auf die
frühesten Zeiten der Cultur unserer Länder hinauf-
steigt. Es ist dieses ein sehr interessantes Studium,
wie sich aus dem ergiebt, was ich aus Beobachtun-
gen umständlich in meinen Briefen über die Ge-
schichte der Erde und des Menschen
gesagt,
und wo ich zugleich auch die moralischen und physi-
schen Ursachen angezeigt habe, welche die Fort-
schritte
dieser allgemeinen Tendenz freywilliger Ur-
sachen, und die menschliche Betriebsamkeit, die
Producte des Bodens zu vermehren, beschleunigt, oder
verzögert haben. Eben dieselben Bemerkungen haben
auch die Herren de Saussure, de Dolomieu
und Ramond de Charboniere, gemacht.

22.

Man muß demnach nicht in den Hauptstädten,
mitten in den Gegenden, welche das Gepräge einer
alten Cultur an sich tragen, die Geschichte des
Menschengeschlechts, welches unser festes Land be-
wohnt, suchen, weil hier die Einbildungskraft freyes
Feld bekommt, indem man dort die Spuren der
Succession verwischt findet. An diesen volkreichen
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[4]
Oertern mußte die menschliche Betriebsamkeit noch
immer geschäftig seyn, wegen zunehmender Bevöl-
kerung
, den Unterhalt durch mehrere Urbarmachung
wüster Felder zu vermehren. Dann wird sich diese
eigentliche Geschichte der Landwirthe an die That-
sachen, welche auf die freywillige Vegetation
Bezug haben, anschließen, um die Mährchen von
dem vorgeblichen Alterthum einiger Völker zu wi-
derlegen; indem sich hieraus ergiebt, daß unser fe-
stes Land selbst nicht weiter, als bis auf die von
Mosen erzählte Sündfluth hinauf zu führen ist;
eine Behauptung von welcher ich von Zeit zu Zeit
noch ganz andere Beweise geben werde.

23.

Indem wir uns noch etwas bey der Vegeta-
tion
verweilen, finden wir ein neues Zeitmaaß an
den Torfmooren; eine Erscheinung, von welcher
ich ebenfalls alle Details in meinen Briefen über
die Geschichte der Erde und des Menschen
,
mitgetheilt habe. Der Torf ist so, wie die schwärz-
liche Erde
, von welcher ich oben geredet habe, ein
Produkt der Vegetation; aber die Ueberbleibsel
der Pflanzen, welche ihn bilden, verlieren hier
weit weniger von ihrem Volumen und behalten ihre
Eigenschaft zu brennen. Diese Pflanzen, welche
anfangs blos verwelkt sind, bildeten eine schwam-
migte Masse, die sich beständig voll Wasser gesogen
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[5]
hat und in welcher die neuen Pflanzen, worunter ei-
nige von wäßriger Art sind, in großem Ueberfluß
und mit beträchtlicher Schnelligkeit wachsen. Ver-
muthlich verdanken diese Pflanzen die Anhäufung
ihrer abgestorbenen Individuen einer antisept-
schen
Eigenschaft, wodurch sie immer vor der Ver-
wesung verwahrt blieben, ob sie gleich beständig von
Wasser durchdrungen waren. Hierin liegt eine wesentli-
che Verschiedenheit zwischen den Torfmooren und den
Morästen, indem dort die Luft beständig gesund ist.

24.

Die Torfmoore haben ihren Ursprung nicht
früher erhalten können, als alle die andern Erschei-
nungen, welche durch die Entstehung unsers festen
Landes
haben zuwege gebracht werden können. Sie
erzeugten sich alsbald an den Stellen, welche von
Quellen benetzt wurden; und an diesen, der Vegeta-
tion überaus günstigen Plätzen wuchsen auch unver-
züglich Bäume von einer harzigten Natur, vor-
nemlich Fichten und Taxusbäume, deren kleine
Blätter und Zweige, wiewohl sie auf einen nassen
Boden fielen, doch der Fäulniß widerstanden. Auch
Kräuterartige Pflanzen wuchsen zu gleicher Zeit in
diesem Boden und fiengen hier an Torf zu bilden.
In dem Maaße, wie diese dichter wurden, verflochten
sich die Wurzeln der neuen Bäume mehr und mehr
in ihre Masse, so daß endlich die Winde im Stande
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[6]
sind, sie herauszureißen und der immer fortwachsende
Torf sie vergrub. Dieses ist die erste Epoche, die in
allen großen Torfmooren ausgezeichnet ist. Denn
so wie man den Torf bis auf eine gewisse Tiefe aus-
sticht, findet man Stämme, Zweige und Wurzeln
von solchen Bäumen, auch trift man zuweilen
Kunstwerke hier an, welche auf diejenigen Zeiten
hinweisen, wo diese Bäumen niedergestürzt worden
sind. Ich habe unter andern einen Filzhut von
besonderer Gestalt gesehen, welcher in der Nähe ei-
nes solchen Baumstammes war gefunden worden,
und ich könnte noch viele andere Umstände der Art
anführen, wenn es mir hier möglich wäre, in diese
Details hineinzugehen.

25.

Indem der Torf in seinem Wachsthum fort-
fuhr, verbreitete er sich weiter von den Stellen, wo
er seinen ersten Ursprung nahm. Hatte er sich an-
fangs auf Hügeln erzeugt; so lief er längs der Sei-
ten derselben herab. War er in der Tiefe zuerst ge-
wachsen, so schritt er über seine Grenze hinaus und
breitete sich in der Nachbarschaft aus, ja zuweilen ist
es gar geschehen, daß er sich auf erhabne Stellen er-
hob. Mit einem Wort, allenthalben, wo dieser
Schwamm kleine Quellen antrift, die ihn be-
feuchten können, breitet er sich aus, es sey nach wel-
cher Richtung es wolle und wächst sowohl in die
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[7]
Breite, als in die Dicke; und an denjenigen Oertern,
wo er nicht durch hinreichendes Wasser kann geschmei-
dig erhalten werden, trägt er doch zum Wachsthum
der Bäume bey. Dieser Anwachs des Torfs
geht allenthalben weiter fort, wo ihm die Umstände
günstig sind, und die Menschen keine Anstalten ge-
troffen haben, ihn aufzuhalten. Man kennt seine
Fortschritte durch die Tradition, und wenn man
ihn mit der hervorgebrachten Masse vergleicht, so
findet man eine andere Art von Beweiß für das ge-
ringe Alterthum seines Ursprungs.

26.

An vielen Orten aber, wo die Bevölkerung so
sehr zugenommen hatte, daß sich die Einwohner in
die benachbarten Torfgegenden ziehen mußten, hat
man sich bemühet, der weitern Ausbreitung des
Torfs Grenzen zu setzen, und die Erde zum Acker-
bau geschickt zu machen; ein doppelter Zweck, den
man durch das Abstechen der Torfmoore, das ist,
durch Einschneidung tiefer Gräben, welche das Was-
ser an einen niedrigern Ort leiten, wo es immer im
abgesonderten Zustande blieb, zu erreichen suchte.
Mittelst dieser Operationen hat man an verschiedenen
Orten Denkmäler entdeckt, welche sich an die Ge-
schichte der Völker, der Künste, oder an Local-
traditionen
anschließen, und wovon ich hier einige
Beyspiele anführen werde.
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[8]

27.

Indem man einige große Torfmoore in der
Gegend von Gröningen abstach, fand man auf
dem Boden eines Grabens römische Münzen,
die hier in den natürlichen Boden begraben, und
nachher von einem dicken Torflager bedeckt worden
waren. Hier haben wir also einen festen Zeitpunkt
über den Anwachs der Torfmoore, nemlich den,
wo die Römer in diese Gegenden einfielen. Die-
ses Monument schließt sich an ein anderes an, welches
ebenfalls durch eine progressive Operation, wie-
wohl von einer ganz andern Art, an eben diesen
Ufern, verschafft worden ist; man hat, sage ich,
römische Münzen nahe bey einer alten Mündung
von einem Arm des Rheins, der sonst durch Holland
gieng, gefunden. Die Römer hatten an dieser
Mündung ein Zollhauß errichtet, wovon man
noch die im Sande des Meeres vergrabenen Mauern
erkennt und welche seitdem diesen Rheinarm gänz-
lich verstopft haben.

28.

Bey meinen Reisen, welche ich längs dieser
Ufer machte, und wo ich besonders verschiedene gro-
ße Torfmoore beobachtete kam ich in die Gegend
von Bremen, als man eben sehr emsig mit der Ur-
barmachung
eines Torfmoors beschäftigt war,
welchem man den Beynahmen vom Teufel, wegen
der vielen Unglücksfälle, die sich auf seiner Oberflä-
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[9]
che zu ereignen pflegten, gegeben hatte. Es waren
nemlich oft Thiere, die sich von ohngefähr dahin ver-
laufen hatten, und selbst Menschen so versunken,
daß man außerhalb nicht das mindeste mehr von ih-
nen sehen konnte. Die Unternehmung des Abstichs
eines solchen Moors war zu groß für die benach-
barten Einwohner und man betrieb sie damals
auf Kosten des Landesherrn, der sich sehr väterlich,
auf mancherley Art, für ihren Wohlstand verwende-
te. Bey diesen Arbeiten kam man auch in der Tie-
fe eines großen Grabens auf die Entdeckung einer
alten Wasserleitung, welche im Sande aus Bre-
tern
gebaut war, und in deren Nähe man auch noch
einen Röhrenbohrer fand, den man mir zeigte
und der den unsrigen sehr ähnlich war; dies al-
les fand man in einer Tiefe, die ein sehr großes Ver-
hältniß zu der totalen Tiefe des Torfs in seinem ur-
sprünglichen Lager hat, und welches man allenthal-
ben mit Sand eingefaßt findet. Hier hat man also
ein Denkmal der Kunst, von welchem wir nun die
Epoche sehen wollen.

29.

In einem nicht sehr hohen Zeitalter, wo man
schon die deutsche Sprache im Bremischen redete,
hatte das große Torfmoor bereits hie und da die
kleinen Sandhügel überstiegen. Diese führten
insgesammt ihre Namen mit der Endsylbe berg,
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[10]
wodurch eine Erhabenheit angedeutet wurde.
Seitdem hat der Torf, ob er sich gleich immer wei-
ter erhob, diese Sandhügel bedeckt, die Stellen
aber, wo sie waren, behielten ihre Namen. Dieser
Umstand war sehr vortheilhaft, denn, ohne denselben
würden die festen Theile im Torfe unbekannt geblieben
seyn, und allenthalben, wo sie von den alten Rän-
dern nicht zu weit entfernt waren, hat man sich ih-
rer bedient, neue Dörfer darauf anzulegen. Wenn
man den Torf zu tief absticht, so senkt er sich; man
nimmt ihn von diesen soliden Theilen, wo er höher
als in der Nachbarschaft geblieben ist, ab, und hier-
durch erhalten die Niederlassungen von neuen Colo-
nien nicht allein einen festen Boden, sondern haben
auch zugleich den Vortheil, daß sie in einer geringen
Tiefe Sand finden, den sie zur Befestigung ihrer
Wege und zur Vermischung mit dem Torf des übri-
gen Ackerbodens sehr gut gebrauchen können, indem
dieser Boden hierdurch zu jeder Art von Cultur ge-
schickt gemacht wird. Die größte Tiefe des Torfs
in dieser ganzen weiten Strecke beträgt ohngefähr
35 Fuß; es ragten auch noch kleine Sandhügel
über den Torf hervor, zu einer Zeit, wo das Deut-
sche schon die Sprache des Landes war, und um zu
seiner wirklichen Dicke zu gelangen hat er diese Er-
höhungen gänzlich bedeckt. Hier haben wir also eine
Erscheinung, die eben nicht sehr langsam in ihrem
Fortschritte gewesen ist, und ihr Ursprung bestimmt
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[11]
die Zeit der Entstehung unsers festen Landes. Also ist
die Geschichte der Torfmoore, anfangs durch ihre
physischen Ursachen, und dann in ihrem Fortgange
durch chronologische Denkmäler verschiedener Art
vorgezeichnet, allein hinreichend, die biblische
Chronologie
seit der Sündfluth zu bestä-
tigen.

30.

Wir wollen nun den Schauplatz ändern: denn
alle progressiven Phänomene, von welcher Art sie
seyn mögen, müssen, wenn sie mit der Entstehung
unsers festen Landes anfangen, eine eben solche
chronologische Stufenleiter geben. Ich habe be-
reits in diesem Briefe die Ursachen angezeigt, welche
rings um unsere Küsten herum die neuen Ansätze be-
wirkt haben; und da mir seit dem Anfange meiner
Untersuchungen über das Alter unsers festen Lan-
des
, diese Erscheinung einer von den unmittelbar-
sten Chronometern, die sie uns verschaffen können,
zu seyn scheint; so habe ich sie mit der größten
Sorgfalt beobachtet und die genauern Umstände da-
von auch bereits in meiner Geschichte der Erde
und des Menschen
angegeben. Diese Zusätze zu
unserm festen Lande passen sowohl durch ihre be-
ständige waagrechte Lage, als durch die Natur
ihrer Stoffe vollkommen mit demselben, in ihrer
äussern Verbindung, zusammen, und wenn man sie
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[12]
durchsticht, um Brunnen zu graben, so findet man
den ursprünglichen Boden, über welchem sie sich ge-
bildet haben und in welchen sie ihre Quellen ver-
breiten, welche sich aus den Schichten des festen
Landes ergießen. Der Ursprung dieser Ansätze be-
stimmt das Zeitalter, in welchem die Flüsse anfiengen,
Schlamm ins Meer zu führen, und dieses den
Sand von seinem Boden gegen die Ufer zu treiben
begann: man sieht alles, was diese Ursachen zuwege
gebracht haben. Die mehresten von den bewohnten
Küsten liefern chronologische Denkmäler, die mit
den Fortschritten ihrer Wirkungen verkettet sind,
und diese fahren fort, auf eine Menge von Küsten zu
wirken, wodurch die neuen Ansätze zu wahren
Wasseruhren werden. Die Thatsachen von dieser
Art sind sehr zahlreich, ich werde mich aber blos mit
einer einzigen begnügen.

31.

Die neuen Ansätze werden nicht anders tragbar,
als wenn sie durch die Gewalt der neuen Bodensätze,
welche die hohe Fluth auf ihrer Oberfläche zurückge-
lassen hat, nur ganz leicht bedeckt worden sind; aber
dann können auch sehr gute Wiesen aus ihnen wer-
den. Die Bewohner der Ufer des Continentalbo-
dens
in der Provinz Gröningen und der Nachbar-
schaft von Friesland, schränkten sich lange Zeit dar-
auf ein, daß sie blos in der guten Jahrszeit von den
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[13]
längs ihrer Küsten befindlichen neuen Ansätzen
Gebrauch machten. Sie machten daselbst Heu,
und ließen dann ihr Vieh dort weiden; allein sie wa-
ren genöthiget, es im Herbste wieder zurückzuziehen
und es in Ställe zu bringen, welche auf künstlichen
Hügeln erbaut waren, weil von dieser Jahrszeit bis
in den Frühling das Meer und die Flüsse jene Vieh-
weiden häufig überschwemmten. Indessen erhöhete
sich bey jeder Ueberschwemmung der Boden
durch neue Sedimente, so daß er am Ende nur
selten noch, in einer großen Breite, über-
schwemmt
ward. Es gehörte nichts desto weniger
einige Zeit dazu, bis die beyden Provinzen darauf
dachten, diese Strecke durch Dämme einzuschließen,
um sich vor den Ueberschwemmungen zu schützen,
die doch noch von Zeit zu Zeit wiederkehrten, und so
völligen Besitz von einem reichen, und jeder Art von
Cultur fähigen, Boden zu nehmen. Ein Spani-
scher Gouverneur, Namens Caspar Robley, be-
grenzte sie endlich, und die Unternehmung wurde vol-
lendet im Jahr 1570. nach unserer Zeitrechnung,
und hierdurch wurde der bewohnbare Boden dieser
Provinzen sehr beträchtlich vergrößert. Man ließ
damals ausserhalb der Dämme eine überaus große
Strecke neuer Ansätze liegen, die noch immer sehr häu-
figen Ueberschwemmungen ausgesetzt waren, und
die man immer so gehen ließ, wie es mehrere Jahrhun-
derte hindurch bey demjenigen Platze geschehen war,
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[14]
welchen man so eben eingefaßt hatte. Allein dieser
äussere Boden erhielt immer fort bey jeder Ueber-
schwemmung
neue Bodensätze auf seiner Oberflä-
che, die ihn mehr und mehr erhöhten; nach und nach
wurden auch diese Ueberschwemmungen seltner
und blieben bisweilen mehrere Jahre hintereinander
ganz aus, so daß man im Jahr 1670. eine zweite
Reihe von Dämmen, in den beyden Provinzen auf-
warf, um einen neuen Erdring, welcher dem erstern
an Breite gleich kam, einzufassen. Man lies au-
ßerhalb derselben den ganzen Raum frey, der bey
dem immer fortschreitenden Wachsthum der neuen
Ansätze
noch sehr oft überschwemmt ward, um ihm
Zeit zur Erhöhung durch die Bodensätze dieser
Ueberschwemmungen zu geben. Allein, seitdem
haben sich diese neuen Ansätzen bey ihrer fortge-
setzten Verlängerung in Erdzungen zertheilt, und
man konnte für die Zukunft auf nichts, als blosse
partielle Einfassungen, rechnen, die, in Betracht
des gewonnenen Erdreichs, viel kostbarer, als die vori-
gen waren und wovon die Unternehmung dem Staa-
te sehr lästig würde geworden seyn. Dieses be-
stimmte die beyden Provinzen, das Eigenthum dieser
Erweiterungen sowohl itzt, als in Zukunft, den-
jenigen zu überlassen, welche Eigenthümer des vorhin,
längs der Dämme eingefaßten Erdreichs waren,
um für eigne Rechnung damit vorzunehmen, was ih-
nen am vortheilhaftesten dünkte. Seitdem sind nun
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[15]
abermals neue Einfassungen unternommen wor-
den, und die Erweiterungen des festen Landes dauern
noch fort, wiewohl mit mehrerer Unregelmässigkeit.

32.

Da dieses Phänomen die Wirkung natürlicher
Ursachen ist, welche den Gränzen aller unserer festen
Länder
, die sich unter gleichen Umständen befinden,
gemein sind, auch der Niveau der neuen Ansätze
durch die höchste Fluth bestimmt worden, so kann
es nirgends eine Verschiedenheit, als blos in Rück-
sicht seiner absoluten Größe, zeigen, die sich im ge-
raden Verhältniß des Ueberflusses der Materien,
welche sich gegen die Küste aufgehäuft haben, und
im umgekehrten, des Grades der Tiefe, welche das
Meer hier ursprünglich gehabt hat, befinden muß;
aber die durch die Epochen bezeichneten Fortschrit-
te
beobachten unter einander eben dieselben Verhält-
nisse
, wie die Zeiten, wovon ich itzt ein Beyspiel
nach einem andern Beobachter und nach einem viel
raschern Gange als der vorhergehende, anführen
werde.

33.

Herr de Dolomieu, der eben so, wie ich,
von den vielen Phänomenen frappirt war, welche das
so geringe Alterthum unsers festen Landes be-
weisen, hat unter andern auch den Irrthum derer
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[16]
bestritten, welche an unsern Küsten Beweise von
der entgegengesetzten Meynung zu finden glaubten.
In seiner Abhandlung über Egypten hatte er so
eben die Ungereimtheit von allem, was man über die
vermeintlichen Arbeiten des Nils während mehrerer
Tausende von Jahrhunderten vorgebracht
hatte; und um den Schauplatz den Europäischen
Beobachtern mehr zu nähern, nahm er in der Folge
den wirklichen Lauf des Po in der Lombardey
zum Beyspiel, der sogleich durch unbezweifelte
Merkmale an dem Orte, wo der Po zuerst in das
Adriatische Meer fiel, die Grenzen des festen
Bodens
bezeichnet, und wo sich die neuen Ansä-
tze
gemeiniglich anfangen zu bilden. Nach diesem
fährt er auf folgende Art fort:*)
*) 
Iourn. de physique Ianv. 1793.
„Indem man
die Fortschritte dieser neuen Ansätze, seitdem
die Geschichte die Epochen derselben geliefert hat,
betrachtet, sollte man nicht glauben, daß eine sehr
lange Reihe von Jahrhunderten erforderlich wäre,
um die Anfüllung des ganzen Theils vom Meer-
busen
, der anfangs noch leer geblieben war, und
welchen die Bodensätze der Flüsse hernach voll
machten, zu bewirken . . . Wenn zu den Zeiten
des Strabo, das ist, zu Anfang unserer Zeitrech-
nung
, ein Arm des Meeres sich bis nach Padua
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[17]
erstreckte, . . . wenn einige Jahrhunderte früher
(nach der Erzählung des Strabo) 90 Stadien
zum festen Lande hätten zusetzen, und so die durch ih-
ren Hafen und Seehandel so berühmte Stadt
Spina zu einem bloßen Dorfe herabbringen kön-
nen . . . . wenn wir uns erinnern, daß die Salz-
werke
von Ponte Longo, die gegenwärtig meh-
rere Meilen im Lande liegen, noch vor fünf Jahr-
hunderten der Gegenstand eines blutigen Krieges ge-
wesen sind . . . ., so scheint mir der Beweis
nicht schwer zu seyn, daß es eben keiner großen Men-
ge von Jahrhunderten bedurft habe, um die An-
sätze
hervorzubringen, welche der Ebne der Lom-
bardey
diese große Ausdehnung gegeben haben.

34.

Darinnen bestehen also die Erweiterungen
unsers festen Landes, welche die Vertheidiger
der Meynung von einer allmähligen Bildung die-
ses festen Landes auf eine so unbestimmte Art für
sich angeführt haben; denn man sieht bey ihrer nä-
hern Prüfung, die man freylich hätte vornehmen
sollen, ehe man davon sprach, daß sie ganz das Ge-
gentheil beweisen, daß unsere Continense ihre Ent-
stehung vielmehr einer einzigen Revolution zu ver-
danken haben und daß diese nicht eben um sehr vie-
le Jahrhunderte
zurück liegt. Ich will jetzt zei-
gen, daß es die nemliche Bewandtniß mit den That-
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[18]
sachen hat, welche eben so unbestimmt von denen an-
geführt werden, welche gegenseitig behaupten, daß
unser festes Land auf eine langsame Art von
dem Meere wäre zerstört worden.

35.

Längs der nämlichen Küsten, wo sich die neuen
Ansätze
bilden, findet man öfters auch steile Flä-
chen
, gegen welche das Meer seine zerstörende Ge-
walt ausgeübt hat, oder noch ausübt. Ich will
nicht von den harten Felsen reden, weil man an
diesen keine Wirkung des Meeres unterscheidet; ich
will blos bey den steilen Küsten stehen bleiben,
welche dem Einfallen unterworfen sind. Diese
Oerter waren anfangs entweder schmale Vorge-
birge
, die sich den Strömen des Meeres und
seinen Wogen entgegensetzten, oder steile Flä-
chen
, welche aus eben den Ursachen bey der Revo-
lution
übrig blieben, welche so große Wirkungen
im Innern der Erde, nemlich die Senkung der
noch zurückgebliebenen Schichten, bewirkt haben.
Wir wollen indessen die Folgen und das Ende der
Wirkungen sehen, welche das Meer bey einem Theil
unsrer Küsten hervorgebracht hat.

36.

Alle die Punkte der Länder, welche sich dem
freyen Laufe der Ströme und Wellen widersetz-
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[19]
ten, wurden von denselben angegriffen, und alle stei-
le Flächen
fiengen an einzufallen; allein das Meer
führte die kleinen Materien längs an den Küsten hin,
und setzte sie in allen den kleinen Buchten ab, wo-
durch es zu eben der Zeit seinen Boden erhob und sie
aufhäufte, als die gröbern Materien sich an dem
Fuße der Brandungen, die entweder neu entstan-
den, oder ursprünglich vorhanden waren, ansamm-
leten und sich bestrebten, hier eine lange, flache
Küste
zu bilden, indem sie den Boden zugleich hö-
her machten. So wie nun eine solche flache Küste
bey der Ebbe anfieng, sich längs einer Brandung zu
zeigen, vereinigten sich, der durch die Fluth und
Wellen herbeygeführte Schlamm und die neuen
Einstürzungen, um sie zu erheben, so, daß endlich
das Meer den Fuß dieser Brandungen nicht mehr
zu erreichen im Stande war. Indessen fuhren sie
noch einige Zeit fort, durch äussere Ursachen zusam-
men zu stürzen; da aber alle Materien itzt an ihrem
Fuße zusammen blieben, so bildeten sie sich stufen-
weise zu einem gleichförmigen Abhang, und die Ve-
getation
erhielt sie im festen Stande.

37.

Dies ist das unbezweifelte Ende aller jener
vorgeblichen Zerstörungen unsers festen Landes.
Sie sind nichts anders, als die Wirkung des Mee-
res
, von äußern Ursachen unterstützt, um die Ufer
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[20]
und Abdachungen seiner Küsten zu ründen, indem
es alles dasjenige wegstößt und abgleicht, was sich
dem freyen Spiele seiner Ströme und Wogen
entgegensetzt. Die Dauer dieser Wirkungen hängt
von örtlichen Umständen ab; aber so, wie durch die
vereinigten Wirkungen der äussern Ursachen und
des Meeres, eine flache Küste gebildet worden
ist, die blos einen sanften Abhang und unmerkli-
che Einbiegungen hat, so hat nun das Meer weiter
keinen Einfluß darauf. Ich habe dieser Operation
an mehrern Küsten nachgespürt, ich habe an ver-
schiedenen Orten ihre Grenzen und an andern ihre
mehr oder wenigere Entfernung von ihrem Ende ge-
sehen, je nachdem die örtlichen Ursachen, welche man
leicht erkennen konnte, dazu Anlaß gaben, und ich
konnte immer aus diesen beurtheilen, wie dieses En-
de ausfallen würde. Ich habe von diesen Beobach-
tungen, so wie von verschiedenen allgemeinen Um-
ständen dieser Erscheinungen, das Nähere in meinen
Briefen über die Geschichte der Erde und
des Menschen
, angegeben. In dieser Klasse
von Fortschritten findet man auch noch verschiede-
ne chronologische Denkmäler und diese stimmen
sehr wohl mit denen zusammen, welche wir oben bey
den einfachen neuen Ansätzen kennen gelernt ha-
ben. Dies zeigt, mit welcher Leichtsinnigkeit man
ehedem geologische Systeme, die eben so grundlos,
als einander widersprechend waren, aufgestellt hat,
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[21]
um der biblischen Chronologie zu widersprechen;
immittelst eben dieselben Thatsachen, worauf sie ge-
stützt zu seyn schienen, sie vielmehr auf die in die
Augen fallendste Weise bestätigen: denn die gleichzei-
tigen Operationen vom Rückzug der Küsten an
manchen Orten und deren Verlängerung an andern,
oft nahe dabey gelegenen, beweisen zu gleicher Zeit,
daß das Meer sowohl sich in einem neuen Bette
befindet, als auch, daß dieses nicht seit sehr vielen
Jahrhunderten der Fall gewesen ist, welches, wie
man siehet, völlig mit der Mosaischen Erzählung
übereinstimmt.

38.

Alles, was sich im Innern des festen Landes
vorfindet, entspricht demjenigen, welches wir vor-
hin von seinen Grenzen kennen gelernt haben. Denn
es finden sich hier eben die Zerstörungen und
neuen Ansätze, die eben so ihrer Vollendung
aus determinirenden Ursachen entgegen eilen. Ehe
ich aber auf die Operationen komme, welche sich für
die beyden Theile der Conclusion, die ich so eben
dargelegt habe, gleichförmig vereinigen, muß ich
noch einer Erscheinung erwähnen, die, indem sie auf
eben die Folge hinführt, auf eine mehr direkte Art
die Natur der Revolution bezeichnen wird, durch
welche das Meer sein Bette verändert hat. Ich
habe gesagt, daß, so lange das Meer unser festes
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[22]
Land bedeckt gehabt, die obern Theile unserer Ge-
birge Inseln
in demselben vorgestellt hätten. Die-
ses setzt voraus, daß das Meer vor der Entstehung
des neuen festen Landes viel höher, als gegenwär-
tig, müsse gestanden haben, und ich habe dieses ge-
rade zu in diesem Briefe bewiesen: aber die Erschei-
nung, von welcher itzt die Rede ist, wird einen neuen
Beweis von einer noch merkwürdigern Art dafür ab-
geben.

39.

Die Oberfläche des Meers, ihr Stand
mag nun seyn welcher er will, ist die sensible Basis
unserer Atmosphäre, und ist auch, alles Uebrige
gleich gesetzt, ihr wärmster Theil, weil in ihr die
Wärme immer von unten nach oben abnimmt. Zu
der Zeit, da die Gipfel unserer Berge noch Inseln
im Meere bildeten, (indem es damals noch höher
stand) befanden sich diese Inseln in dem untern
Theile der Atmosphäre, wo sie eine Temperatur
hatten, welche jeder Art von Vegetation günstig
war; allein da sich das Meer auf seinen gegenwär-
tigen Stand setzte, so setzte sich auch die Atmo-
sphäre mit demselben und dadurch geschah es, daß
sich die nämlichen Erdflächen in eine kältere Re-
gion des Luftkreises versetzt fanden, so, daß sich bey
einigen, die am weitesten in die Höhe gehoben wor-
den waren, wie z. B. die Gipfel der Pyrenäen
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[23]
und Alpen, die jährlichen Rückbleibsel von Schnee,
durch abwechselndes Schmelzen und Gefrieren in ein
schwammigtes Eis verwandelten.

40.

Dieses ist die Erklärung von den Aufhäufungen
des, auf den Gipfeln der Alpen beobachteten Ei-
ses
, welche ich in meinen Briefen über die Ge-
schichte der Erde und des Menschen
gegeben
habe; und an diese schließt sich noch eine andere an,
von welcher ich hernach reden werde. Wenn diese
Anhäufungen ihr Maximum erreicht gehabt hät-
ten, so würden sie uns nichts über die Vergangen-
heit
sagen, aber da sie noch merklich anwachsen,
so müssen sie ihren Ursprung irgend einer Revo-
lution
verdanken, welche die Temperatur in die-
ser Höhe verändert hat, und wir finden eine Revo-
lution der Art in einer großen Senkung des Meer-
niveaus
. Ueber dieses wird sich auch dieser Ur-
sprung nach Maasgabe des schnellern Fortgangs
in der Bildung dieses Eises von einer mehr oder
weniger entfernten Zeit herschreiben. Nun vermehrt
sich aber die Ausbreitung dieses Eises so merk-
lich, daß schon die Lebenszeit eines Menschen, eines
Gemsenjägers, hinreichend ist, um ihre Fortschritt
zu bemerken, und daß die Generationen einander die
Zeitpunkte mittheilen, wo gewisse Oerter angefan-
gen haben, von dem immerwährenden Eise be-
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[24]
deckt zu werden, und wo gewisse, vorher gebahnte
Wege, durch solche Fortschritte, anfiengen verlegt
zu werden, wodurch also ihr Ursprung auf eine
nicht sehr entfernte Epoche zurückgeführt wird, und
die ausserdem auf die Revolution hinweißt, wel-
che auch sonst noch durch so viele andere Phänomene
bewiesen wird.

41.

Herr de Saussüre, der diese Gegenden so ge-
nau kennt, und welchem wir so viele wichtige, die-
selben betreffende Beobachtungen zu verdanken ha-
ben, hat unter andern bewiesen, daß die ganze Mas-
se ihres Eises herabzusinken strebt, und daß dieses
die Ursache von den Spalten sey, von welchen es
durchschnitten ist, so wie von der Veränderung ihrer
Stellen und ihrer Breite. Diese Spalten öffnen
sich nämlich, wenn die untere Masse auf dem Abhan-
ge fortglitscht, und sie schließen sich wieder, wenn
die höhere Masse der untern nachzufolgen beginnt.
Ohne diese Wanderung des Eises, würde seine Zu-
nahme in der Ausbreitung noch weit schneller seyn,
denn hierdurch wird es gar sehr vermindert, es ge-
schehe nun durch das losreißen einiger Stücke am
Rande gewisser steiler Oerter, von welchen sie in ir-
gend ein niedrigeres Thal stürzen, oder indem sie auf
eine andere Art in Lavagestalt durch gewisse Fel-
senklüfte
geführt werden; da sie dann nach ihrer
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[25]
Ankunft in diesen tiefern Gegenden sehr geschwinde
zerfließen. Diese Felsenklüfte, welche mit langsam
herabgleitenden Eise ausgefüllt sind, kennt man un-
ter dem Namen der Gletscher. Es fallen auf das
obere Eis oft Granitblöcke, welche sich von den
benachbarten Felsen ablösen, und diese Blöcke wer-
den von dem Eise mit in die unteren Thäler fortge-
führt, wo sie beym Zerschmelzen desselben abgesetzt
werden. Ich will hier dasjenige hersetzen, was Hr.
de Saussüre
über diesen Gegenstand bemerkt,
und auf den Gletscher des Bois im Thale von
Chamouny, angewandt hat, welches aber auf alle
paßt. Die Felsenblöcke, sagt er, womit der unte-
re Theil dieses Gletschers belastet ist, geben zu ei-
ner wichtigen Bemerkung Anlaß. Wenn man auf
ihre Zahl Rücksicht nimmt und bedenkt, daß sie sich
in dem Maaße an diese Grenzen des Gletschers ab-
gesetzt haben, in welchem sein Eis geschmolzen ist,
so wundert man sich, daß man keinen beträchtlichern
Haufen davon antrift, und diese Bemerkung giebt,
in Verbindung mit vielen andern, die ich nach und
nach beybringen werde, Anlaß, zu glauben, daß der
gegenwärtige Zustand unserer Erdkugel nicht so
alt
sey, als sich einige Philosophen eingebildet
haben.“
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[26]

42.

Ehe ich die Eismassen verlasse, will ich noch
eine andere Erscheinung anführen, die uns nicht al-
lein eben dieselbe chronologische Stufenleiter
darbietet, sondern sich zu gleicher Zeit auch an die
Ursache anschließt, welche ich von den Ele-
phanten-
und Rhinocerosgerippen, die man
in unsern Climaten findet, angegeben habe. Als
die Atmosphäre ihre besondere Revolution erlitte,
welche eine Folge von derjenigen war, welche die
Erde bey der Entstehung unsers festen Landes er-
fuhr, waren die Gegenden ausser den Wendekreisen,
bey der Abwesenheit der Sonne, nicht so gut mehr
im Stande, ihre von der Gegenwart derselben em-
pfangene Wärme zu erhalten. Diese Veränderung
hatte vornemlich auf die Polarländer Einfluß, und
es entstand sowohl auf der See, als auf dem festen
Lande
der Anfang von den Anhäufungen des
Eises. Hierüber sagt nun der Ritter Karl
Blagden
*)
*) 
Transact.philos. Vol. 74. p. 231.
folgendes: „Seit unserer Schif-
farth nach Norden, ist die östliche Küste von
Grönland und das sie umgebende Meer, nach
und nach, durch die Zunahme des Eises
unzu-
gänglicher geworden“
. Ein Phänomen also, das ein
so schnelles Wachsthum hat, daß schon einige Gene-
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[27]
rationen, seinen Fortschritt merklich finden, und
wovon das Ganze im Vergleich mit seinen Zusä-
tzen
, nicht so unermeßlich ist, kann wohl seinen
Anfang nicht vor einer gar zu großen Anzahl von
Jahrhunderten genommen haben. Die Winter
sind, außerhalb der Wendekreise, durch eine Re-
volution
, wovon die Wirkungen jeder Art bewei-
sen, daß sie nicht sonderlich alt sey, viel kälter ge-
worden. In Betracht der Veränderung der Tem-
peratur
, stimmen zwey, sehr von einander verschie-
dene Wirkungen dennoch, in Absicht der Zeit, sehr gut
zusammen: der allmähliche Anwachs des Eises im
Norden, und die Erhaltung der Elephanten und
Rhinocerosreste
in unsern oberflächlichen Erd-
schichten
; und eben dieselbe Ursache hat auch An-
theil an der merklichen Zunahme des Eises auf den
Alpen.

43.

Nach Erwähnung dieser Phänomene, die, in-
dem sie chronometrisch sind, zu gleicher Zeit auch
Aufschluß über die plötzlichen Veränderungen in der
Höhe und Natur der Atmosphäre geben, komme
ich auf die bereits oben angekündigten Verhältnisse
zwischen den mechanischen, an unsern Küsten statt
findenden Operationen, und denen welche die nämli-
chen Ursachen im Innern der Erde bewirkt haben.
Man kann sich sehr leicht den Zustand der Oberfläche
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[28]
unseres festen Landes, zur Zeit seiner Entstehung,
vorstellem; denn der Operationen ohngeachtet, welche
ihre Rauhigkeiten abzugleichen, strebten, stößt
man doch noch allenthalben auf dieselben. Ohne selbst
aus den Städten heraus zu gehen, sind schon die ge-
mahlten Landschaften, mit welchen man die Zimmer
auszuzieren pflegt, hinreichend, eine sehr richtige
Idee von der Erscheinung zu geben, von welcher ich
hier rede. Denn wenn auch der Mahler die Natur
nicht ganz unmittelbar copirt hat, so hat doch seine
Einbildungskraft immer nach diesem Modelle gear-
beitet; und ein großer Theil der mahlerischen Wir-
kung in dieser Art von Gemälden, kommt von den,
wie Obelisken, in die Höhe steigenden Gebirgen,
den steilen Felsen, mit durch einander geworfenen
Schichten und den Wasserbächen her, die sich
von den Rändern dieser Felsen herabstürzen, oder
zwischen ihren Trümmern fließen. Man bemerkt
auch daselbst grünbewachsene Abhänge, welche
vom Fuße der oberen Felsen bis zum Rande der
untern, (wenn das Gemälde etwas von den letztern
mit faßt) und von diesen bis zum niedrigsten Bo-
den herabsteigen, wenn nicht etwa ein reißender
Strom an ihrem Fuße schäumt. Mit einem Worte,
die gemeinsten Landschaften sind wahre geologische
Denkmäler, und ich habe mehrmals, ohne aus den
Zimmern zu gehen, welche damit decorirt waren,
mein ganzes System blos nach diesen Gegenständen
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[29]
demonstrirt, wofern nur die Zuschauer zur Aufmerk-
samkeit geschickt waren und einige physikalische Kennt-
nisse besaßen.

44.

Die Felsen und alle andern Erdarten, welche
sich bey der Entstehung unsers festen Landes in
einem steilen Zustande befanden, waren den Wir-
kungen des Regens und Frostes ausgesetzt, und die-
jenigen, auf welche diese Meteoren einen merkbaren
Einfluß haben konnten, fiengen an sich zu erniedri-
gen
. Ich nehme hier nicht Rücksicht auf diejenigen
Felsen, die jenen Einflüssen so wenig unterworfen
waren, daß sie sich nicht merklich verringern konn-
ten; dergleichen Felsen bedecken sich gewöhnlich mit
Flechten und Moosen, ein Beweis von einer
merklichen Beharrlichkeit in ihrem einmaligen Zu-
stande. Ich wende mich also zu denjenigen, welche
einer Abnahme fähig sind.

45.

Die steilen Flächen, welche einer Zusammen-
stürzung fähig sind, erleiden den größten Verlust von
Materie an ihren obern Theilen, weil sich das Re-
genwasser von oben her in ihre Spalten zieht, so daß
dieser Theil sich nach und nach zurückzieht, und eine
anfangs verticale Fläche auf solche Art eine Abda-
chung
erhält. Aber allenthalben, wo die Neigung
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[30]
dieses Abhanges nicht von so beträchtlicher Größe
ist, daß die von Luft und Regen abgelöseten Theile
bequem in die Tiefe hinab gleiten können, fängt die
Oberfläche derselben an, Pflanzen zu nähren, und so-
bald sie damit völlig bedeckt ist, hat die Abnahme
ein Ende, wofern sie nicht etwa in einer beträchtli-
chen Tiefe vor sich geht; blos dieses kann die Opera-
tion verzögern. Ehe aber eine steile Fläche auf den
Punkt gekommen ist, daß Pflanzen auf ihr wachsen
können, so lösen sich Theile von ihr ab, und indem
diese niederwärts rollen, häufen sie sich gegen diesel-
be auf und werden, in dem Maaße, wie sich der
Haufe vergrößert, immer mehr bedeckt. So wie
nun das Einstürzen häufiger geschieht, kann die Ve-
getation
nicht festen Fuß auf den Abhängen fassen,
welche von diesen Trümmern sind gebildet worden;
sobald aber das Einstürzen nachläßt, so beginnen
auch die Pflanzen auf diesem neuen Boden zu
wachsen und bedecken ihn am Ende. Wenn indessen
ein Theil von einer steilen Fläche, die sich noch über
den von ihren Trümmern gebildeten Abhang er-
hebt, selbst zu einem Abhange wird, so wird nun
alles von der Vegetation bedeckt, und die Operation,
welche allenthalben den Abnahmen Grenzen setzt,
ist an diesem Orte vollendet.
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[31]

46.

Was aber die Operationen, die auf der Oberflä-
che unsers festen Landes statt finden, denen ähn-
lich macht, welche ich bey Erwähnung seiner Küsten
beschrieben habe, ist dieses. Alle Rauhigkeiten
unserer Erdflächen, sie mögen eine Lage haben,
was für eine sie wollen, arbeiten durch Mittel, die
man aus Mangel an Aufmerksamkeit, als zerstörend
für das feste Land selbst, ausgegeben hat, einzig
darauf los, daß sie sich zuründen; denn die Ope-
rationen dauern nicht länger, als bis auf die Zeit,
wo die Vegetation sowohl diese zugerundeten Rau-
higkeiten
, als die um sie her liegenden Trümmer
bedeckt hat. Die Vegetation setzt sich auf keinem
Boden eher fest, als bis er im Beharrungsstan-
de
ist; und wenn sie sich an irgend einem Theile fest-
gesetzt hat, so ist dies zugleich ein Zeichen von Be-
harrungsstand
und das Mittel, ihn in Sicherheit
zu bringen; wenn nur nicht etwa einige Masse in
Bewegung befindlichen Wassers
sich in seine
verflächten Trümmer ergießt: welches aber auch seine
Endschaft erreicht, wenn sich die Verflächung bis
auf den Punkt zurückzieht, wo sie nicht mehr ange-
griffen werden kann. Diesen Gegenstand habe ich
umständlich in meinen Briefen über die Geschich-
te der Erde und des Menschen
, entwickelt und
Hr. Ramond de Charbonniere hat ihn
auf eine sehr interessante Art in seinem Werke aus-
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[32]
gemahlt, welches den Titel führt: Observations fai-
tes aux Pyrenées
. In diesem Werke, sage ich, hat
Hr. Ramond den Gemählden das Colorit gege-
ben, die von mir blos gezeichnet, wiewohl mehr aus-
gedehnt waren, und in welchen ich die verschiedenen
Zustände ausgedrückt habe, zu welchen die Wirk-
samkeit der äussern Ursachen, bis jetzt die verschiede-
nen Theile unsers festen Landes, welche einer
Zerstörung unterworfen sind, nach ihrem ursprüng-
lichen und allenthalben leicht erkennbaren Zustande,
gebracht hat. Man kann auch allenthalben, wo
diese Operationen noch nicht ihre Grenzen erreicht
haben, urtheilen, wie sie sich endigen werden; denn
ohne eben von diesen Bergen oder Hügeln auszuge-
hen, findet man noch andere Oerter, wo der Behar-
rungsstand
erfolgt ist, und wo er diesem Erfolge,
mehr oder weniger, nach Maasgabe der durch die
sehr steilen Abhänge hervorgebrachten Bewegun-
gen, oder durch die Angriffe der Ströme, nahe
ist. Dieses ist endlich einer von den Gängen der
Natur, in welchem man bey aufmerksamer Untersu-
chung dessen, was sonst geschehen ist, was noch ge-
schieht, und was noch in der Folge geschehen muß,
sehr deutlich die geringe Entfernung der Epoche,
wo unser festes Land vom Meere ist verlassen
worden, gewahr wird.
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[33]

47.

Die mechanischen Operationen im Innern un-
sers festen Landes gleichen auch noch denen, welche
ich bey dessen Küsten bemerkt habe, und zwar we-
gen anderer Umstände, die eben so interessant an sich
selbst, als charakteristisch in ihrem allgemeinen Gange
sind, der vor nicht gar langer Zeit begonnen hat.
Die reissenden Ströme, welche von dem Regen auf
hohen Oertern erzeugt worden, üben gegen die stei-
len Oerter
und die Anhäufungen ihrer Trümmer
eben die Gewalt aus, wie die Fluthen des Meeres
gegen die steilen Stellen seiner Küsten und gegen
die Ansammlungen ihrer Trümmer, welche sich be-
streben, eine flache Küste an ihrem Fuße zu bilden.
Auch haben noch jene Ströme und Bäche gewisse
Plätze angegriffen, welche sich anfangs ihrem Lauf
widersetzten; so wie das Meer die schmalen Vor-
gebirge
angriff, die dem freyen Laufe seiner Fluthen
und Wogen entgegenstanden, woraus hernach sowohl
im festen Lande, als an den Küsten Brandungen
entstanden, welche vorher nicht vorhanden gewesen
waren. Am Ende bildeten die von den Flüssen
fortgeführten Materien, welche eine Folge jener Zer-
störungen waren, an verschiedenen Punkten ihres
Laufes, solche neue Ansätze, wie sie die Meeres-
wogen an den Küsten bilden. Dieser ganze Gang
ist übrigens sehr interessant für die Geschichte der
Gebirge, ihrer Bewohner und derer, die an den
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[34]
Ufern der Flüsse wohnen; so wie es der Gang der
Operationen des Meeres für die Geschichte unserer
Küsten und ihre Bewohner ist. Da ich aber
hiervon bereits mit gleicher Sorgfalt und Umständ-
lichkeit in meinem oben erwähnten Werke gehandelt
habe, so will ich mich hier blos auf die Hauptzüge
derselben einschränken.

48.

Ich habe bereits in meinem 1sten Briefe bewie-
sen, daß, was für Verwüstungen auch die fließen-
den Gewässer
an den Gebirgen mögen angerich-
tet haben, ihre ganze Arbeit, seit der Entstehung un-
sers festen Landes, doch in weiter nichts besteht,
als daß sie die Befestigung der Trümmerhaufen
am Fuße steiler Flächen verzögert haben, und daß
der größere Theil der Materien, welche sie auf sol-
che Weise zu den Zeiten der starken Regengüsse und
Schneeschmelzungen in Bewegung brachten, zu nichts
weiter gedient habe, als die Thäler zu nivelliren
und ihren Boden zu erhöhen, die bereits von dem
Rückzuge des Meeres vorhanden waren, weil man
fast nichts als Sand in den Mündungen findet,
wo sich die Flüsse bey ihrem Austritt von den Ge-
birgen
in die Seen ergießen, und wo sich alles das
abgesetzt hat, was die Ansammlungen dieser Gewäs-
ser, die das Innere durchströmt haben, mit sich ge-
nommen haben, nachdem sie herausflossen. Ich habe
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[35]
auch noch gezeigt, daß das Ganze wie Nichts ist,
im Vergleich mit dem, was die Einbildungskraft ei-
niger Geologen sie daraus hat machen lassen, und daß
die bekannten Fortschritte dieser Sedimente mit un-
ter die Zahl der Beweise von dem geringen Alter unse-
rer Erdkugel gehören. Ich verlasse deshalb jetzt wie-
wohl ungern, die Menge von interessanten Gegenstän-
den für die Geologie, welche alle Theile der Gebirge
darbieten, um auf die allgemeinen Wirkungen der auf
unserm festen Lande fließenden Gewässer, zu
kommen.

49.

Allenthalben, wo die Flüsse Hindernisse angetrof-
fen haben sind sie bemüht gewesen, selbige zu zerstö-
ren. Ich lasse mich hier, wie bey den Gebirgen
und Küsten, nicht auf die soliden Felsen ein,
bey welchen keine äußerliche Ursache eine merkliche
Wirkung zuwege bringen kann, um mich blos mit
denjenigen Oertern beschäftigen zu können, wo man
sehr deutlich die Totalität der ehemaligen Wir-
kungen, ihre Fortschritte in den bekannten Zeiten
und ihren gegenwärtigen Gang sehen kann; wel-
ches, in Absicht der Flüsse, voraussetzt, daß sie ei-
nen merkbaren Eindruck auf die von ihnen angetrof-
fenen Hindernisse haben machen können. Hier sind
aber zwey allgemeine Operationen, welche sich zu der
Zeit anfingen, da jene Hindernisse ihrem anfäng-
lichen Lauf eine andere Richtung gaben. 1. Die auf
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[36]
solche Art angegriffenen Gegenden wurden durch
die Gewalt des Wasserstoffes ausgehöhlt, und es
bildeten sich daselbst Brandungen, welche mehr
oder wenigere Zeit fortfuhren, und an mehrern noch
jetzt fortfahren, in den Strom des Wassers herabzu-
stürzen. 2. Die auf solche Weise abgelöseten und
ins Wasser gefallenen Erdstoffe wurden soweit
davon fortgeführt, als es durch das Reißen des
Stroms geschehen konnte, hierauf abgesetzt, wo das
Wasser langsamer floß, und so entstanden zwey Ar-
ten von neuen Ansätzen. Die einen bildeten sich
an einem niedrigern, mehr breiten oder tiefen Thei-
le des Flusses, welches machte, daß sein Bette mehr
Regelmässigkeit bekam, die andern bildeten sich den
Brandungen gegen über, weil der Fluß bey Zer-
störung derselben sich merklich gegen diese Seite legt,
und mit einer um so größern Heftigkeit fortschoß,
als der angegriffene Rand weniger Elevation hatte.
Auch diese Operation dauert an mehrern Orten noch
fort. Ich will mich hier nicht bey dem besondern
Fall aufhalten, wo die Flüsse natürliche Canäle oh-
ne starke Krümmungen angetroffen haben, und auf
die Weise eine regelmäßige Neigung erhalten muß-
ten. Denn ob sie sich gleich, indem sie ihr Bette
machten, an einigen Orten eingegraben hatten, und
hieraus Brandungen an ihren beyden Ufern ent-
standen, so paßt sich doch der Gang der Wirkungen,
von welchen ich so eben geredet habe, dazu, wie zu ei-
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[37]
nem weniger einfachen Falle, wo Krümmun-
gen
vorkommen.

50.

Die Flüsse haben an einem von ihren Ufern
keine Brandungen gebildet, wenn dieses wegen der
Krümmung, die sie an solchen Oertern erhielten,
sogleich sehr schnell gewendet war, und sie bestreb-
ten sich, ihren gehinderten Lauf wieder herzustellen,
indem sie gegen die Hindernisse stießen. Immittelst
nun diese große Verwüstungen veranlaßten, so ho-
ben sie sich durch den Widerstand der Hindernisse in
die Höhe, so daß die Heftigkeit ihres Stroms, in-
dem er sich von da in irgend eine tiefere Stelle
warf, bewirkte, daß alle von den Brandungen
herabgestürzten Trümmer fortgeführt und an das
gegenseitige Ufer geworfen wurden. So wie aber
durch solche Operationen ihre Krümmung weniger
merklich, und ihr Abhang mehr gleichförmig ward,
so fiengen die größten Klumpen der Erdmassen an,
am Fuße der Brandungen liegen zu bleiben, und
es erhob sich hier nach und nach ein Damm, welcher
die Wirkung des Stroms schwächte. So wie die-
se Depots ihren Anfang nahmen, bildete sich endlich
am Fuße der steilen Flächen ein flaches, sandiges
Ufer
, über welches sich der Fluß nicht weiter er-
hob, als wenn er austrat. Die neuen Einstürzun-
gen der Erdklumpen erweiterten und erhoben jenes
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[38]
flache Ufer, und die Brandung selbst, welche sich,
wegen ihrer Zerstörung immer weiter und weiter zu-
rückzog
, kam endlich ganz außerhalb des Wasser-
stroms
zu liegen. Hierauf bildete sie sich durch den
Einfluß äußerer Ursachen zu einem Abhange und
die Vegetation brachte sie in den Beharrungsstand.
Während dieser Operationen setzten sich die Stoffe,
welche der angegriffene Ort verlohren hatte, zu Bo-
den, oder an das gegenseitige Ufer, oder an einen
andern, längs des Flusses liegenden Ort, wo denn
sein Wasser mehr Raum erhielt und langsamer floß.
Hier kamen nun alsbald alle die Materien an, die
größten aber blieben in der Folge nach und nach zu-
rück. Nach diesen ersten Bestrebungen, haben sich
die neuen Ansätze nicht weiter erhoben, als durch
die Stoffe, welche bis auf den bloßen Sand abge-
nommen hatten; und endlich kam es dahin, daß sie
auf ihrer Oberfläche sonst keinen Sand mehr erhielten,
als wenn sie ausgetreten waren. Jetzt war der
Fluß in einem Canal fixirt, von welchem seine neuen
Ansätze einen Theil ausmachten. Allenthalben, wo
er sie bey seinem Austreten überstieg, erhöhete er sie
durch neue Niederschläge. Endlich that er nichts wei-
ter, als daß er innerhalb seiner festen Ufer stieg, oder
fiel, und der Ueberrest von den neuen Ansätzen be-
deckte sich mit Pflanzen, oder wurde urbar.
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[39]

51.

Dieses waren dann, und sind noch an vielen
Orten die wirklichen Operationen der fließenden
Gewässer,
welche einige Geologen, in der Voraus-
setzung, daß sie an unserm festen Lande während
einer unzählbaren Folge von Jahrhunderten gearbei-
tet hätten, so ansahen, als ob sie alle Ungleichheiten
ihrer Oberfläche hervorgebracht hätten. So wie die
Regen anfiengen, auf unser festes Land zu fallen,
sammlete sich ihr Wasser in den Canälen, welche ih-
nen die Einbiegungen der Abhänge verschafften; und
wenn diese in der Nähe ihres Laufes waren, so konn-
ten sie selbige nicht anders verändern, als daß sie sich
je mehr und mehr unter diejenigen Plätze erniedrig-
ten, welche ursprünglich höher, als sie gewesen
waren, so daß die Flüsse ihr Bette nicht anders,
als in einigen sehr niedrigen und völlig waagrechten
Ebnen, oder in den Gründen der breiten Thäler,
die sie zuerst geebnet hatten, indem sie die Trümmer
von den höhern Stellen über sie verbreiteten, fort-
geführt
haben. Die ersten von den fließenden
Gewässern
determinirten Canäle, waren die
Gründe der Einbrüche und anderer Einschnitte von
der Masse der durch das Meer gebildeten Schich-
ten
, wovon die Natur und die vorhergehenden Ka-
tastrophen, die bestimmtesten Merkmale zurückgelassen
haben; so, daß man in Betracht dieser Oerter jedesmal
bestimmen kann, wie sie bey der Entstehung unsers
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[40]
festen Landes beschaffen gewesen seyn, und was für
Veränderungen sie seitdem durch den Lauf der Gewäs-
ser
erlitten haben müssen, wo die Charaktere eben-
falls sehr ausgezeichnet sind.

52.

Die Oerter, wo sich die Geschichte der Flüsse
am leichtesten studieren läßt, sind ihre Biegungen,
welche von den Erdmassen, die sie gezwungen haben,
ihren Lauf zu verlassen, und die einer Zertrümmerung
fähig waren, hervorgebracht wurden. Hier sieht
man den Punkt, wo der Angriff und die dadurch be-
wirkte Aushöhlung zuerst geschehen ist. Man fin-
det weiter hin, oder etwas tiefer, oder auf der ent-
gegengesetzten Seite der ausgehöhlten Stelle, wenn
sie eine nur geringe Höhe hat, die Materien, wel-
che von da weggeführt worden sind. Diese Stoffe
haben anfangs den Betten der Flüsse ihre Gefälle
gegeben, hernach die neuen Ansätze gebildet, die
sich immer durch ihre regelmäßige Neigung gegen den
Strom und durch die Beschaffenheit ihrer Masse,
von dem ursprünglichen Boden unterscheiden.
Sie sind ohne die geringste Verbindung, und die
Stoffe, woraus sie bestehen, nehmen gegen die Tiefe
an der Größe ihrer Oberfläche zu. Diese entgegen-
gesetzten Operationen sind an mehrern Orten begrenzt,
und dann erleiden die sonst angegriffenen Stellen, so
wie die aus ihren Trümmern gebildeten neuen An-
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[41]
sätze, weiter keine merkliche Veränderung und der
Fluß läuft ruhig neben dem einen und dem andern
fort. Aber an andern Orten dauern diese beyden,
immer vereinigt wirkenden Operationen in verschie-
denen Graden fort und sind mehr oder weniger weit
von ihrem Ende entfernt. Aber, wie man an der
Mündung der Flüsse, wo sie sich ins Meer ergie-
ßen, und wo sich aller Schlamm, den sie von ihrer
Quelle an mit sich führen, abgesetzt hat, Denkmä-
ler
, oder, Traditionen findet, welche die Epo-
chen
in der Zunahme dieser neuen Ansätze bezeich-
nen; so findet man auch eben so eine Menge von
Stellen, wo die Flüsse vorher ihren Lauf genom-
men haben; Denkmäler, welche sehr gut zu denje-
nigen passen, die als Glieder eben derselben chro-
nometrischen Kette
vorkommen. Ich will nun
ein einziges Beyspiel, das aber sehr merkwürdig ist,
anführen, daß nemlich die Denkmäler an der Mün-
dung eines großen Flusses von eben derselben Natur
sind, wie an sonst einem andern Orte seines frühern
Laufes.

53.

Vom Rhein will ich hier reden, in Absicht des-
sen ich schon oben gesagt habe, daß die Römer an
der Mündung einer seiner Arme ein Zollhaus er-
baut gehabt haben, wovon das Mauerwerk (so wie
noch ein, auf die Agrippina Bezug habendes
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[42]
Denkmal) in den neuen Ansätzen, welche seitdem
diesen Arm ganz verstopft haben, ist gefunden wor-
den; und diese Verstopfung war so vollkommen, daß
sich Dünen, oder Sandhügel gebildet haben, wie
an dem übrigen Theile der Küste von Holland. Aber
ich will noch auf ein anderes römisches Denkmal
von eben dem Zeitalter aufmerksam machen, wel-
ches sich in einem neuen Ansatze befindet, der zu
einem Theil dieses Flusses gehört, welcher weit vom
Meers entlegen ist, und zwar mit Umständen, wel-
che die Richtigkeit des ganzen Weges begründen sol-
len, welchen ich bisher bey den Gebirgen, Thä-
lern
und Ebnen eingeschlagen habe.

54.

Der Rhein fließt, ehe er sich mit der Mosel
vereinigt, lange Zeit durch ein Thal, dessen Ufer
ursprünglich sehr steil waren; jetzt aber sind sie durch
irreguläre Streifen abgeglichen und größtentheils
mit Pflanzen bedeckt. Während der Operationen,
die endlich einen, beynahe völligen Beharrungs-
stand
bey diesen unordentlichen Ufern zuwege ge-
bracht hatten, bildete sich aus den von ihnen abge-
rissenen Stoffen, längs des wirklichen Laufs des
Flusses, ein flaches, sandiges, mehr oder minder
breites, Ufer, welches die von den steilen Oertern
noch herübergestürzten Stoffe enthielt und weiter auf-
häufte. Die Stelle, wo sich die beyden Flüsse verei-
Digitalisat/113