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Magazin
für den neuesten Zustand
der
Naturkunde

mit Rücksicht auf die dazu gehörigen
Hülfswissenschaften

herausgegeben
von
Johann Heinrich Voigt
,
Professor der Mathematik zu Jena und verschiedener
gel.Ges. Mitglied.

Ersten Bandes Drittes Stück.

Mit drey Kupfertafeln.

Jena,
in der akademischen Buchhandlung

1798.
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27.
Ueber die Wirkung des mit Vitriolöl gesäu-
erten Erdreichs auf die Vegetation. –

Zu S. 165. des vorigen Stücks.Die von Blumenbach referenzierte Stelle lautet: „Die Wichtigkeit jenes Hauptgegenstandes wird hoffentlich Naturforscher und denckende Landwirthe ermuntern, diese bis jetzt noch problematischen Vorschläge [...] näher zu prüfen und durch wiederholte und mannigfaltig abgeänderte Versuche weiter zu verfolgen: wozu wenigstens der Verf. dieser Anzeige für seine Person gleich am Tage des Empfangs dieser wichtigen Schrift, einige Vorrichtungen getroffen hat.“Johann Heinrich Voigt: „London. An Essay on the food of plants and the renovation of soils; by J. Ingen-housz. 1797. 4.“ In: Magazin für den neuesten Zustand der Naturkunde mit Rücksicht auf die dazu gehörigen Hülfswissenschaften, Bd. 1 (1798), 2. St., S. 164-165. Zitat S. 164-165. Die im Zitat erwähnte Anzeige ist von Johann Friedrich Blumenbach: „Ueber die Nahrung der Pflanzen und die Düngung des Bodens; vom Hrn. Ingen-Houß.“ In: Magazin für den neuesten Zustand der Naturkunde mit Rücksicht auf die dazu gehörigen Hülfswissenschaften, Bd. 1 (1798, 2. St., S. 97-105.
Nun ein Wort vom Erfolg jener auf Veran-
lassung der wichtigen Schrift des Hrn. Leibarzt
Ingen-Housz
getroffenen Vorrichtungen.
Ich habe zu Ende Aprils 16 Blumentöpfe, die ich
genau numerirt hatte, mit einerley Gartenerde gefüllt.
Achte davon habe ich dadurch gesäuert, daß ich in je-
den ein halbes Quentchen Nordhäuser Vitriolöl ge-
gossen, das ich in einem halben Pfunde Wasser ver-
dünnt hatte, und dessen Beymischung natürlicher-
weise, zumal da unser hiesiger Boden sehr kalkreich
ist, ein heftiges Aufbrausen und in der Folge einen
mehlichten Salmiakbeschlag auf der Oberfläche dieser
Erde verursachte.
Die Erde in vier andre Töpfe habe ich vorher
auf die gewöhnliche Weise düngen lassen: und in den
übrigen vieren habe ich die Erde ganz unverändert
gelassen, und will sie in der Folge (zum Unterschied
von der gedüngten und gesäuerten,) Bracherde
nennen.
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Nun habe ich eine halbe Stunde nach der Säue-
rung jenes Erdreichs in acht Töpfe (– nemlich in
vier gesäuerte, zwey gedüngte, und zwey mit Brach-
erde –) Sommerwaizen gesäet, und eben so
in die übrigen achte, Gerste. In jeden Topf zehn
Körner.
Die erste vortheilhafte Folge der Säuerung
des Erdreichs war, daß sogleich die insecta subter-
ranea
 
, Käferlarven, und namentlich unerwartet
viele Scolopendren hervorkamen und bald starben;
von welchen sich hingegen bey den gedüngten oder
um Bracherde gefüllten Töpfen nichts zeigte.
Zweytens hielt sich das gesäuerte Erdreich in
der Folge weit länger feucht, als das gedüngte oder
brache. Ein Unterschied, der selbst noch nach 6 Wo-
chen in so fern merklich war, daß wenn alle 16 Töpfe
immer zugleich und mit gleicher Menge Wasser be-
gossen waren, die mit der gedüngten oder Bracherde
weit eher wieder dürre und rissig wurden, als die ge-
säuerten.
Drittens keimten die mehresten Saamen im ge-
säuerten Boden einen, und theils mehrere Tage früher
auf.
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Viertens blieben in der gedüngten oder Brach-
erde im Durchschnitt weit mehr Körner zurück die
gar nicht aufkeimten. (Die Säure excitirte also
auch bey schwächlichen Saamen, das matte Lebens-
princip, das auserdem aus Mangel an sattsam kräf-
tigen stimulus  hätte erlöschen müssen.) Folglich
stand nachher die Frucht in der gesäuerten Erde ce-
teris paribus
 
dichter.
Fünftens wuchs die Frucht auf diesem gesäu-
erten Boden auffallend schneller und stärker.
Hingegen war schlechterdings nicht ein einziger
Umstand bemerkbar, worin irgend etwa das gedüngte
Erdreich geschweige das brache, die mindste vor-
theilhaftere Wirkung auf die Vegetation geäußert
hätte, die ihm einen Vorzug vor dem gesäuerten ge-
ben könnte.
Da ich aber diese 16 Töpfe in meinen Zimmern
stehend hatte, um sie immer unter Augen zu behalten,
so mochte wohl Mangel an sattsamer freyen Luft und
die Schwierigkeit, die einzelnen aufschiesenden Halme
aufrecht zu erhalten etc. Schuld seyn, daß keiner von
allen seine volle Größe und Reife erreichte, daher ich
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[129]
dießmal keine bestimmte Vergleichung zwischen der
Größe und Fülle der Aehren anstellen konnte, die ich
künftiges Jahr bey wiederholten Versuchen mit mehr
Abänderung und im Freyen noch nachzuholen ge-
denke.
Hoffentlich werden indeß Naturforscher, Phy-
siologen und Landwirthe in Menge diese und ähnliche
auf mancherley zweckmäßige Weise abgeänderte Ver-
suche zugleich angestellt haben und wiederholen, und
so wird sich dann aus der Fülle ihrer Erfahrungen
um so leichter übersehen lassen, was davon in der
Ausführung im Großen dienlich und vortheilhaft
seyn kann. Die wenigsten werden wohl bey der
Leichtigkeit dieser Versuche und bey ihrer einleuchten-
den vielseitigen und namentlich so practischen In-
tereße erst noch einer andern Aufmunterung dazu nö-
thig haben, sonst könnten ihnen die Worte des seel.
Dechanten zu St. Patrick, EhrnSwift, dazu die-
nen, da er sagt:
„Wer machen könnte, daß zwey Kornähren, oder
zwey Grashalmen auf einem Fleckchen Erd-
reich wüchsen, wo vorher nur einer wuchs,
der würde sich besser ums Menschengeschlecht
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verdient machen, und seinem Lande einen we-
sentlichern Dienst leisten, als die ganze Rasse
von Politikern zusammengenommen.“
J.F. Blumenbach.
Digitalisat/12